Die Fremde in meiner Küche – über Krieg, Heimweh und die eigene Komfortzone

Komfortzone
Die Komfortzone ist kein Zugabteil

Es ist 23:10. Ich stehe am Bahnhof. Wegen einer eineinhalbstündigen Verspätung habe ich meinen Anschlusszug verpasst. Die große Anzeigetafel am Bahnsteig zeigt mir eine Möglichkeit weiterzufahren, in zwei Stunden! Daneben grell blinkend eine +40. Also fast drei Stunden Wartezeit auf einem mittlerweile verwaisten Bahnsteig. Einige zwielichtige Gestalten huschen umher. Ich bin müde. Und genervt. Seit fast 9 Stunden bin ich unterwegs. Auf meiner bisherigen Reise lief zu ziemlich alles schief, was schief laufen konnte. Also beschließe ich in ein bahnhofsnahes Hotel zu gehen und die Nacht dort zu verbringen. Ausgeschlafen weiterfahren am nächsten Morgen scheint mir die bessere Alternative als übermüdet stundenlang alleine auf einem Bahnsteig zu sitzen.

Jetzt ist 6:09. Ich stehe wieder am Bahnhof. Es regnet. Mir ist kalt. Ich versuche mich mit einem Kaffee vom Kiosk warmzuhalten. Er schmeckt bitter. Aber der Zug kommt diesmal pünktlich. Endlich sitze ich auf meinem Fensterplatz und sehe, wie der Zug langsam losrollt. Zum Glück, denn ich bin immer noch müde und genervt. Immer schneller ziehen Bäume und Häuser an mir vorbei. Hier, wo ich unterwegs bin, sehen sie etwas anders aus als da, wo ich herkomme.

Und wie ich hier so sitze, lasse ich den letzten Tag noch einmal Revue passieren. Und stelle mir vor wie es sein muss, müde und erschöpft an einem Bahnsteig zu stehen, aber nicht zu wissen wann oder wohin die Reise weiter geht. Nicht die finanziellen Mittel zu besitzen, kurzerhand in einem Hotel abzusteigen, um wenigstens wieder ein bisschen in die eigene Komfortzone zu kommen.  Und zu alldem die Sprache, die um mich herum gesprochen wird, nicht zu verstehen.

Stell dir vor, es ist Krieg und eine fremde Frau steht in deiner Küche und kocht Borschtsch.

Ich denke an Natalia*. Und an ihre Tochter Daria*. Die aus Kiew geflohen sind, weil ein wahnsinniger Diktator beschlossen hat Krieg zu führen. Die auf ihrer Flucht all ihr Hab und Gut weggeworfen haben, weil man ihnen sagte, sie sollen keinen Ballast mit sich schleppen, für den Fall, dass sie plötzlich um ihr Leben rennen müssen. Die nur mit ihren Kleidern am Leib über Polen nach Deutschland kamen und dann eines Morgens am Bahnhof einer fremden Stadt standen und nicht wussten, was sie dort erwartet. Müde. Ängstlich. Erschöpft.

Woher ich ihre Geschichte kenne? Natalia hat sie mir erzählt. Sie und Daria wohnen seit ein paar Wochen bei uns. Als der Krieg in der Ukraine begann meldete ich mich bei einer Organisation in unser Nähe, die ukrainische Flüchtlinge unterstützt und für sie nach Gastfamilien sucht. Das war Ende Februar. Man sagte uns, dass es eine Weile dauern würde, bis man sich bei uns melden würde, da viele Menschen noch unterwegs auf ihrer Flucht seien.

Als der Anruf dann aber tatsächlich knapp zwei Monate später kam, war ich plötzlich furchtbar aufgeregt. Ich hatte zugesagt, unser Gästezimmer auf unbestimmte Zeit völlig Fremden zur Verfügung zu stellen. Wir wussten nichts über diese Menschen. Nur ihre Namen und ihr Alter. Aber nicht, woher sie kamen, was sie auf ihrer Reise vielleicht gesehen oder erlebt haben könnten. Nichts.

Ich hatte plötzlich gemischte Gefühle. Was, wenn wir uns nicht verstehen würden? Wenn meine Kinder mit der Situation nicht zurecht kämen oder das Trauma der Flucht so groß wäre, dass wir auf völlig verängstigte Menschen treffen würden? Die Organisation versicherte uns, dass wir zu nichts verpflichtet wären und wenn es gar nicht passen würde, man eine andere Gastfamilie finden würde. Aber das gab mir ein noch schlechteres Gefühl. Jemanden in sein Haus einzuladen, um sie oder ihm dann wieder wegzuschicken, fühlte sich furchtbar an. Tausend Gedanken gingen mir durch den Kopf und mir wurde bewusst, dass das Zusammenleben mit Fremden einen großer Schritt aus der eignen Komfortzone bedeutete.

Klar, man könnte jetzt sagen, mit Fremden zusammenzuziehen und Wohnraum zu teilen, das machen Student:innen auf der ganzen Welt tagtäglich. Aber hier ließ ich jemanden in meine Familie, in meinen Inner Circle sozusagen, in dem wir eingespielte Abläufe und jeder seine kleinen Eigenheiten hat. Sei es nur in Unterwäsche beim ersten Kaffee zu sitzen.

Raus aus der Komfortzone

Und dann kamen sie. Es war alles ein bisschen hektisch. Wir hatten Kaffee und Kuchen vorbereitet. Doch sie zogen sich erstmal in ihr Zimmer, zurück. Verständlich. Wie muss es sich anfühlen in eine fremde Familie zu kommen, von der man genauso wenig weiß wie sie über einen selbst? Zu vertrauen, dass das eigene Kind hier in Sicherheit ist. Und gleichzeitig unsicher darüber zu sein, ob man menschlich mit den Gastgebern zusammenpasst. Ich kann mir nur vorstellen, wie es sich anfühlen muss und verstehe, dass die beiden einen weitaus größeren Schritt aus ihrer Komfortzone machen mussten als wir es taten.

Bortschtsch
in unserer „WG-Küche“ wird gelacht, geweint und Borschtsch gekocht

Heute ist der zentrale Mittelpunkt unserer kleinen WG, wie es sich für richtige WGs gehört, die Küche. Hier kocht Natalia manchmal für uns alle fantastischen Borschtsch, hier wird gelacht, Wein getrunken, gequatscht. Aber auch geweint. Die Tatsache, dass Natalias Mann noch in der Ukraine ist und nicht ausreisen darf, bedrückt sie sehr. Sie hat Heimweh und gleichzeitig Angst, in ein Land zurückzukehren, in dem Krieg herrscht. Weniger wegen sich selbst, sondern aus Sorge um ihr Kind. Am meisten fürchtet sie Gewalt an ihrer Tochter.

Ich denke an gestern Nacht zurück, als ich am Bahnsteig stand und mir nichts mehr wünschte, als endlich zu Hause zu sein. Diese Menschen gingen auf eine unbekannte Reise, ohne zu wissen, ob sie ihr Zuhause jemals wieder sehen werden. Sie mussten bei ihrer Flucht geliebte Menschen zurücklassen, und leben jetzt in der ständigen Angst, dass diesen etwas zustoßen könnte.

Die Realität kann verdammt weh tun

Bei einem Beisammensein in der Küche zählt mir Natalia von einer Freundin, die mit ihrer Familie im Auto fuhr und in einem umkämpften Gebiet von russischen Militärs angehalten wurde. Die Soldaten ließen sie aussteigen und schossen über ihnen in die Luft, um sie einzuschüchtern. Einfach so, ohne Grund. Sie ließen sie gehen, weil ein anderes Auto kam, dass sie anhielten. Beim Weiterfahren sah die Familie im Rückspiegel, wie die Soldaten die Menschen in dem anderen Auto erschossen.

Diese Geschichte kommt wie eine unerwartete Ohrfeige. Dort an meinem Küchentisch, auf dem noch die Brotkrumen des Frühstücks liegen, ist er Krieg plötzlich schrecklich nahe. Das ist kein Einspieler in der Tagesschau, sondern ein Augenzeugenbericht, der mich sprachlos und zugleich verlegen macht. Ich habe keine Worte für diese Gräueltaten. Weiß gar nicht recht, wie ich mich verhalten soll. Und denke abermals an meine Komfortzone, von der ich dachte, sie verlassen zu haben, um jemanden bei mir auszunehmen. Um mich im nächsten Moment sehr zu schämen.

Wenn Natalia mir so etwas erzählt, weiß ich, sie sagt es mir nicht, weil sie mir aufzeigen will, dass ihre Probleme größer sind als meine, das spüre ich, sondern weil sie jemanden braucht, um die eigenen Bilder im Kopf und die damit verbunden Sorgen loszuwerden. Ich höre sie manchmal weinen. Sie würde es vor mir vermutlich niemals zugeben, weil sie für ihr Kind und sich selbst stark sein möchte, aber ich kann ihre Unruhe spüren.

Sie und ihre Tochter hatten großes Glück, keine dieser schrecklichen Dinge auf ihrer Flucht erleben zu müssen. Sie hörten Sirenen und Bombeneinschläge, aber wurden Gott sei Dank nicht direkt mit dem Tod konfrontiert. Vielleicht ist das der Grund, warum Daria unbeschwert und fröhlich hüpfend mit meinen Kindern im Garten Seifenblasen pusten kann und zum Glück wenig davon versteht, was ihre Mutter belastet. Für sie ist es vielleicht auch ein kleines Abenteuer, in einem fremden Land zu sein, dessen Sprache sie gerade beginnt zu lernen.

Seifenblasen

Soeben fährt mein Zug in den Bahnhof ein. Ich bin wieder zu Hause und sofort überwiegt das gute Gefühl des Nachhausekommens, auch wenn die Reise anstrengend war. Es gibt wirklich schlimmeres als ein paar verpasste Züge. Und vielleicht ist sogar noch ein Teller Borschtsch für mich da.


* Die Namen der Personen habe ich zum Schutz ihrer Privatsphäre geändert

Es gibt deutschlandweit zahlreiche Organisationen, die Flüchtlinge aus der Ukraine unterstützen. Unser Kontakt kam über www.ermstal-hilft.de zustande.

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