Tindergrauen Teil 2: Die Katastrophe geht weiter.

Hand mit Bild Tindergrauen

Eigentlich stehe ich ja nicht besonders auf Fortsetzungsgeschichten. In Zeiten von Netflix und Mediatheken lässt sich das aber mittlerweile recht komfortabel lösen. Und da sich meine letzte angeschnittene Tindergrauen-Story noch zur absolut klassischen Vorzeigekatastrophe ausgebildet hat – zumindest in meinen Augen – dachte ich, daran muss ich euch unbedingt teilhaben lassen.

Und wie das so ist bei Mehrteilern, muss man sich Teil 1 am Anfang kurz zusammenfassen lassen, weil man ihn sowieso schon wieder vergessen hat. Wir erinnern uns: Ich wischte bei Tinder nach hunderten Freaks mal wieder ausnahmsweise nach rechts (für Nicht-Tinder-Nutzer: das bedeutet, dass man denjenigen gerne kennenlernen würde). Ganz okayer Typ, optisch auch nicht so übel, kann man ja mal versuchen. Jedenfalls ging es gleich los mit „Ich hab keinen Bock zu schreiben“ blabla, das Übliche eben.

Da ich aber wie schon erwähnt immer keinen Bock habe, mich gleich zu treffen, entwickelte sich über etwa zwei Wochen eine Art Rumgeeier, bei dem ich nicht zu viel schreiben wollte, um den Typen nicht zu nerven – denn er schreibt ja nicht gern -, vorab nicht zu viel potentiellen Gesprächsstoff zunichte zu machen und auch nicht Gefahr zu laufen, sich ein Bild vom anderen zu machen, das dann bei der ersten Begegnung jäh zerstört wird. So ein offener Mund und Gestammel kommen nicht so gut an. Bei mir war es mal ein Hustenanfall, aber das ist eine andere Story.

Naja, irgendwie schrieb man ja dann trotzdem, um den Kontakt nicht ganz zu verlieren.  Vornehmlich er schrieb. Irgendwas von „Miss J“ und dann kam aus heiterem Himmel ein „das wäre doch der perfekte Kuschelabend. Kussemoji.“, was sofort meinen Würgereflex auslöste. (Wer sich Teil 1 in aller Ausführlichkeit noch einmal antun möchte, findet ihn hier: Neues aus Tinderland: Spinn ich oder spinnen die?)  

„Cybersex“. Das seltsame Überbleibsel aus 2000er Chaträumen.

Sich Körperlichkeiten mit einem Wildfremden auszumalen, ist wirklich so eine Abartigkeit der Digitalisierung, die mich an die frühen 2000er, als das Internet noch neu und aufregend war, in irgendwelchen Chaträumen erinnert, wo pickelig-pubertäre 14jährige die Anonymität ausnutzten, um mal nen ganz verwegenen Anmachversuch bei ihrer Chatpartnerin zu starten. Also, nicht falsch verstehen. Wer auf sowas steht, bitte gerne. Aber vor dem Hintergrund, dass man sich ja kennenlernen und im Idealfall vielleicht eine ernsthafte Beziehung eingehen möchte, ist das doch irgendwie verdrehte Welt.

Irgendwann schrieb er, dass er mal mit einem Match einen Fragebogen ausgetauscht hat und das eigentlich ganz lustig war und ob ich darauf Lust hätte. Ich hielt das für einen wirklich gar nicht mal so uncharmanten Vorschlag, um ihn besser kennenzulernen und dann vielleicht auch schon Themen zu haben, über die man beim Treffen sprechen konnte. Daher sagte ich ja, schränkte aber gleich ein, dass ich keine Fragen zu irgendwelchen sexuellen Vorlieben beantworten würde, um eben genau diese „Kussemoji“-Thematik gleich mal abzuwürgen. Mit persönlichen Fragen hätte ich aber grundsätzlich kein Problem.

Eigentlich hatte ich gehofft, er antwortet etwas wie „Nein nein, das sind ganz normale Fragen.“ Stattdessen schrieb er „Oh, na dann fällt Frage 21 bis 30 schon mal weg.“ Ja. Klasse. Klischee wieder erfüllt. Entgegen seiner Ankündigung, diese Fragen nun auch selbst nicht beantworten zu wollen, weil das ja sonst unfair sei, tat er es dann aber doch. Ob das ein Copy/Paste Fehler von seinem anderen Tindermatch-Fragebogen war, kann ich nicht genau sagen, aber da waren sie. Und so erfuhr ich, was sein Fetisch ist, mit wem er als letztes im Bett war und alles über sonstige Phantasien. Wow. Schnell an was anderes denken. Katzenbabys, Katzenbabys, Katzenbabys.

Typisch Tindergrauen: Keine Hemmschwelle.

Ich bin ja wirklich kein Spießer in dieser Hinsicht, aber was ich an diesem Onlinegedate einfach überhaupt nicht leiden kann, ist die offensichtlich völlige Abwesenheit von Hemmschwellen. Der dritte Schritt wird vor dem ersten gemacht. Ich weiß nicht, ob ich da altmodisch bin, und ich tu mich auch immer schwer, das dem Match gegenüber zu äußern, aber am liebsten würde ich fragen: „Sag mal, fragst du das auch ne Frau, die du grade auf einer Party eines Freundes oder in ner Bar kennengelernt hast?“ Das sind doch Themen, die man vielleicht mal nach mehrmonatiger Beziehung aus irgendeinem grade passenden Kontext heraus erfährt?

Aber nicht nur auf die für mich unpassenden Fragen antwortete er seltsam. Frage 1 beschäftigte sich damit, mit welcher bekannten Persönlichkeit man gerne mal Abendessen würde und warum. Er nannte irgendeinen Filmemacher, fügte dann aber gleich an, dass er natürlich am liebsten jetzt grade mit mir essen würde. Da war es wieder. Kotz würg. Du kennst mich doch überhaupt nicht. Basierend auf einem Tinderbild bin ich jetzt der Traum deiner schlaflosen Nächte? Zur Krönung warf er mir dann noch beleidigt vor, dass ich bei der Beantwortung der Fragen gar nicht an „uns“ gedacht hätte. Junge, check mal deine Prioritäten. Und deine Wahrnehmung bitte gleich mit.

Meine Antwort auf diese Frage war Michelle Obama. Ich habe letztes Jahr ihre Biografie gelesen und war danach noch extremer beeindruckt von dieser Frau, die ihr ganzes Leben für ihre gute Ausbildung gekämpft,  es aus einfachsten Verhältnissen in einem Schwarzenviertel in Chicago bis zum Jurastudium nach Harvard geschafft hatte, um dann ihre gut laufende Karriere für ihren Mann aufzugeben. Der ein paar Jahre zuvor noch ihr Praktikant in der Kanzlei gewesen war und jetzt Präsident werden wollte. Ich weiß nicht, ob ich das könnte. Seine Antwort darauf „Wenn man liebt, reicht das doch aus. Dann hat man alles.“

Wer sich von Frauen wie Michelle Obama mit eigener Karriere bedroht fühlt, sollte mir lieber nicht zu nahe kommen. Liebe ist eben nicht alles.

Nein. Einfach NEIN. Liebe reicht eben nicht aus. Ist es wirklich zuviel verlangt, jemanden an seiner Seite haben zu wollen, der mich als eigenständige Person respektiert? Der versteht, dass ich lange studiert und (unfreiwillig) viel Zeit meines Privatlebens für den Job geopfert habe und jetzt mit 40 aber den Fokus neu ausrichten möchte? Jemanden auf Augenhöhe. Und nicht einen Deppen, der seine Partnerwahl nach Bildern auf einer Datingplattform entscheidet und in einem Disneyfilm lebt, in dem das Patriarchat herrscht.

Und wie immer bin ich die Komplizierte. Oder doch nicht?

Ein Treffen kam – Überraschung! – letztendlich doch nicht zustande. Denn, Achtung: Wir konnten uns nicht auf einen Ort einigen. Gestört, aber geil. Da ja momentan kein Café geöffnet hat, hatte ich mehrere Städte vorgeschlagen.

Stadt 1, meine Heimatstadt: geht nicht, weil dort seine Ex mit Kind wohnt. Da schrillten bei mir gleich die Alarmglocken. Aber gut, man will ja nicht voreingenommen sein. Wer weiß, was da vorgefallen ist.

Stadt 2, die Stadt, in der er arbeitet: geht auch nicht, weil ihn da Leute sehen könnten.

Stadt 3, seine Heimatstadt: geht ebenfalls nicht, weil ihn auch da Leute sehen könnten. Unter anderem sein Onkel.

Stadt 4, eine neutrale Stadt in der Nähe: findet er blöd, da müsse man ja eine Maske tragen. Äh ja, so wie in fast allen Innenstädten momentan?

Seine Gegenvorschläge waren dann mein Dorf, ein abgelegener Park einer geschlossenen Firma oder ein Waldrand. Als ich sagte, dass er bitte verstehen müsse, dass ich mich nicht mit einem Fremden vor meiner Haustür oder an irgendeiner abgelegenen Stelle treffe, war ich plötzlich wieder die Komplizierte mit dem Verfolgungswahn und er würde das jetzt lieber ganz lassen. Als ich ihm erklärte, dass ich es schon ein bisschen kurzsichtig finde, wenn er nicht versteht, dass man da als Frau ein Risiko eingeht, blockierte er mich bei WhatsApp. Tadaa. Willkommen im Kindergarten des Todes.

Schlussendlich kann ich natürlich froh sein, dass das nichts geworden ist. Aber manchmal frage ich mich schon, ob solche Situationen durch Onlinedating gradezu heraufbeschworen werden und ob man sich im echten Leben vielleicht ganz gut verstanden hätte. Oder natürlich, ob nur Idioten unterwegs sind.


Muss ich mich also damit abfinden, dass Tinder und Co. die Regeln völlig neu geschrieben haben? Oder ist das die Art Oberflächlichkeit, die eigentlich schon immer da war, in der Anonymität aber viel besser ausgelebt werden kann? Und was ist die Konsequenz daraus? Better off alone?

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