Zwischen Latte Macchiato und Selbstreflexion

Ich liebe Kinderhotels. Warum? Weil grundsätzlich erst mal alle Gäste mit den gleichen Voraussetzungen antreten. Sie haben Kinder. Keine genervten Singles oder Pärchen im Honeymoon, die ihre Ruhe haben wollen und sich ständig über die lärmenden Kinder beschweren. Seit Jahren schon fahren wir darum im Winter in das gleiche Kinderhotel in Österreich.

Ja, ich weiß, es gibt auch unter den Kinderhotels echte Katastrophen. Rein funktional eingerichtete Plastikhöllen mit Glutamat-Buffet, bei denen halbgare Pommes das größte Highlight darstellen. Ich kenne viele empörte Menschen, die sich darüber echauffieren, wenn Eltern ihre Kinder den ganzen Tag in derartigen Etablissements „parken“, um ihren lauwarmen Cappuccino zwischen Plastikblumen und Detlev Jöcker Songs zu schlürfen.

Zwischen Latte Macchiato und Erziehungstipps – keine Zeit für Selbstreflexion

Ich habe mein Kind auch seit drei Stunden nicht gesehen. Ich Rabenmutter. Als das Waldmädchen sich nach dem Frühstück verabschiedet hat, um mit den anderen Kindern im Bällebad zu spielen und danach mit ihren neuen Freundinnen noch Eisbären im Kinderclub zu basteln, war ich natürlich schon sehr enttäuscht. Als dann auch noch der Froschjunge mit dem Papa zum Mittagsschläfchen auf’s Zimmer gegangen ist, musste ich mir fast eine Träne aus dem Auge wischen. Jetzt sitze ich hier in der Sofaecke vor dem Kaminfeuer, schaue aus dem Fenster auf schneebedeckte Berge, nippe an meinem heißen Latte Macchiato und bin fast überfordert mit so viel Freizeit. Aber nur fast.

Auf einem Sofa neben mir sitzen zwei Männer, anscheinend handelt es sich bei einem der beiden um den Schwiegervater. Er ist dabei seinem Schwiegersohn gute Erziehungstipps zu geben. Einleitend mit dem Satz: „Ein guter Ratschlag unter Brüdern…“ erklärt er ihm, dass Kinder nicht mit den Eltern im Bett schlafen sollten, das würde die Ehe zerstören. Dafür gebe es ja reichlich prominente Beispiele. Von welchen ehezerrütteten Promis er da spricht, kann ich nicht ausmachen, da ich schon vom nächsten Gespräch abgelenkt bin.

Zwei Familien, die gemeinsam ihren Winterurlaub hier verbringen. Eine kenne ich schon aus dem letzten Jahr. Ein Pärchen mir zwei Kindern. Die andere Familie ist offensichtlich das erste Mal hier. Er, immer einen flotten Spruch auf den Lippen und „total offen für alles“, wie er unentwegt betont. Sie, entweder chronisch schlecht gelaunt oder einfach aufgrund von diversen Unterspritzungen nicht mehr in der Lage zu einem anderen Gesichtsausdruck.

Mein Kind, das Supertalent

Das Hauptthema am Nachbartisch: „Kindererziehung“. Wichtig: „Die Kinder müssen schlauer sein als die anderen“, möglichst schon Fremdsprachen sprechen (Programmiersprachen werden auch akzeptiert) und sollten bei der ganzen Sache möglichst cool und lässig rüberkommen. Also so, als wäre das Ganze einfach der Hochintelligenz des Kindes und nicht dem Drill der Eltern geschuldet. Besagte Eltern berichten nun also von den Erfolgen ihres Mustersohnes.

Unglaublich, wie toll er mit seinen acht Jahren schon Computerspiele spielen kann – mit der Maus – wegen der Motorik! Wie er mit Leichtigkeit schon Bücher in englischer Sprache liest und welche wahnwitzigen Lego Bauten er schon kreiert hat. Wie zum Beweis bekommt er (5 Tage nach Weihnachten!) einen Lego Star Wars Baukasten überreicht. Es könnte ja langweilig werden im Kinderhotel. Die Eltern lächeln verschmitzt aus Freude über ihre eigene Genialität.

Das andere Elternpaar blickt sich etwas ratlos an. Findet die Sache dann aber doch ganz gut und stimmt mit ein in die Lobesreden über die Kinder. Was bleibt, ist ein kleiner blasser Junge mit einem Star Wars Baukasten auf den Knien, der nicht so recht weiß, wie er mit der Situation umgehen soll.

Lego Baukasten

Nachdem ich mir das alles angehört habe, mache ich mir meine Gedanken. Überfordere ich meine Kinder auch so? Ist meine Erwartungshaltung auch so hoch wie bei anderen? Oder mache ich es besser? Klar, in meiner Wahrnehmung mache ich es natürlich besser. Keinen Druck auf die Kinder ausüben, alles soll Spaß machen. Offensichtlich bin ich eine ganz tolle Mutter (Ironie off*). Gleichzeitig wünsche ich mir aber insgeheim, dass mein Kind beim Wettlaufen nicht das letzte ist.

Als das Waldmädchen keine Lust mehr auf die Musikschule hatte, bin ich trotzdem weiterhin mit ihr hingegangen. Habe ihre Unlust als „das ist nur eine Phase“ abgetan. Zum Glück sollte ich Recht behalten, doch was, wenn es nicht so gewesen wäre? Wo hört Förderung auf und fängt Überforderung an?

Prima, jetzt ist mein Latte Macchiato kalt. Ich wollte doch nur hier sitzen und den anderen zuhören. Stattdessen stürzt mich mein Voyeurismus fast in eine Sinnkrise. Ich mache genau die gleichen Fehler wie die anderen. Zeit für etwas Selbstreflexion. Danke für diese Erkenntnis. Außerdem muss ich zugeben, dass meine Kinder auch oft bei mir im Bett schlafen. Meine Beziehung kann ich also demnächst abschreiben. Und wo ist überhaupt das Waldmädchen? Ein gutes Zeichen, ich bin keine Helikopter-Mom. Immerhin etwas! Ich glaube, nächstes Jahr gehen wir vielleicht doch mal in ein „normales“ Hotel, mit möglichst vielen Singles und Kinderlosen. Die haben ganz andere Probleme…

Wie reflektiert seid ihr? Könnt ihr euch eure „Erziehungsfehler“ eingestehen? Und wenn ja, wo seht ihr eure größten persönlichen Baustellen?

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Bildquelle Lego Baukasten: Amazon (und das ist definitiv keine Werbung!)

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