Mental Load: Wenn Mama an alles denkt und sich dabei selbst vergisst. Die extreme Belastung durch unsichtbaren Stress.

Es ist 7:00 Uhr am Morgen, praktisch noch mitten in der Nacht und schon vor dem ersten Kaffee schwirren mir zig Fragen durch den Kopf. Was packe ich den Kindern in ihre Frühstücksdosen? Haben wir noch Milch im Kühlschrank? Haben die Kinder gestern die Hasen gefüttert? Und was sollen wir nur der Schwiegermutter zum Geburtstag schenken? Mental Load nennt man das. Die unsichtbare Gedankenlast, die wie ein Rattenschwanz an meiner, eh schon viel zu langen, TO-DO-Liste hängt.

Es sind die Gedankenketten, die in meinem Kopf entstehen und die Dinge oft zäh wie einen Kaugummi werden lassen. Jeden Tag auf’s Neue. Morgen früh soll es regnen, ist die Regenjacke des Kindes nicht noch in der Wäsche? Passen die Gummistiefel überhaupt noch? Ich mache mir ununterbrochen Gedanken und mein dauerdenkendes Hirn zieht eine Scheife nach der anderen. Und das Schlimmste? Mein Umfeld bekommt von meinem Gedankenstau gar nichts mit. Vielmehr stoße ich auf Unverständnis, warum ich denn schon am Morgen so gestresst sei. Ich bin mir sicher, viele Mütter können nachempfinden, was ich meine.

Wenn Frau an alles denken soll

Und tatsächlich scheint es sich dabei um ein primär weibliches Problem zu handeln. Es ist kein Geheimnis, dass es schwerpunktmäßig Frauen bzw. Mütter sind, die sich um Familie und Haushalt kümmern. Sie leisten sogenannte Care Arbeit, die „sich-drum-kümmern“ Arbeit. Selbst wenn der Partner sie bei diesen Dingen unterstützt, bleibt der Großteil der unsichtbaren Gedankenarbeit, die keinen unerheblichen Anteil an der Gesamtbelastung ausmacht, an den Frauen hängen. „Joachim, du weißt schon, dass deine Mutter nächste Woche Geburtstag hat, oder?“ „Ach stimmt, haben WIR denn schon ein Geschenk?“. Na, wer kennt`s?

Als ich vor rund einem Jahr nach der Elternzeit meines zweiten Kindes wieder in den Job eingestiegen bin, dachte ich mir: Alles kein Problem! In meinem Job bin ich sehr flexibel, die Kinder sind vormittags im Kindergarten und in der Schule. Ich gehe arbeiten und manage halbtags die Familie. Easy, das bekommen Millionen anderer Frauen ja auch hin. Falsch gedacht. Ich habe schnell gemerkt, dass mich mein Mental Load vollkommen überlastet. Genaugenommen fühlte ich mich avollkommen überfordert von der Masse der Dinge, die alle gleichzeitig auf mich einprasselten. Und das verursachte Stress. Körperlichen und emotionalen. Von Mental Load hatte ich bis dato noch nie gehört.

Für alle, denen es genauso geht, hier eine kurze Definition:

Unter Mental Load versteht man die Belastung, die durch das Organisieren von Alltagsaufgaben entsteht, die gemeinhin als „nicht der Rede wert“ erachtet werden und somit weitgehend unsichtbar sind. […] Über die Summe der praktischen Aufgaben hinaus beschreibt Mental Load die Last der alltäglichen Verantwortung für Haushalt, Familie, die Beziehungspflege sowie das Auffangen persönlicher Bedürfnisse und Befindlichkeiten.­­­­[1]

Kann mal jemand die Gedanken-Pause-Taste drücken?

In meinem Fall bedeutet das konkret, dass ich, nachdem ich morgens die Augen aufgeschlagen habe, damit beginne, mir Gedanken über das passende Bürooutfit zu machen, gehe den zeitlichen Ablauf des Morgens durch, damit alle rechtzeitig dort sind, wo sie hingehören, organisiere Verabredungen der Kinder, mache Einkaufslisten und plane, wie ich das Mittagessen rechtzeitig fertig bekomme, bevor ich pünktlich am Kindergarten stehen muss. Dass ich auch noch einen „bezahlten Job“ habe, lassen wir an dieser Stelle mal außen vor. All diese Dinge, die mir schon nach dem Aufwachen durch den Kopf schwirren, sind keine TO-DOs, es sind gedankliche Zwischenspiele, die unsichtbar zwischen den eigentlichen Tätigkeiten mitlaufen. Das treibt mich gelegentlich in den Wahnsinn und verursacht nicht selten einen Zustand mentaler Erschöpfung. Manchmal möchte ich meine Gedanken anschreien und sagen: „Jetzt stellt ihr euch gefälligst mal alle in eine Reihe und wartet, bis ihr dran seid“.

Aber hilft ja nix. Die Arbeit muss gemacht werden. Oder? Lasst mich mal einen ganz anderen Gedankengang spinnen. Was passiert, wenn die Spülmaschine nicht laufen kann, weil ich nicht an die Spülmaschinentaps gedacht habe, aus Gründen, die ich schon wieder vergessen hab? Liebe Frauen da draußen, lasst doch einfach mal das dreckige Geschirr abends auf dem Tisch stehen. Was soll passieren? Schlimmstenfalls hat es der Partner am nächsten Morgen, nachdem er den ersten Schock überwunden hat, vor lauter Verwunderung selbst abgewaschen.

Was ich sagen will ist, aus dem Mental Load Dilemma, der Ungleichverteilung der unsichtbaren Aufgaben in einer Partnerschaft, kommt man nur gemeinsam mit seinem Partner heraus. Bereits ein Gespräch über die permanent vorhandene Gedankenlast kann helfen. Denn nur, wenn der Partner versteht, was mir so zu schaffen macht, kann sich etwas an der Situation ändern.

Es hilft enorm, sich bewusst zu organisieren. Es reicht nicht, wenn der Partner zur Abwechslung mal einkaufen geht. Er muss sich auch selbst Gedanken dazu machen, was gebraucht wird, selbst an den Schrank gehen und schauen, ob noch Zucker da ist und nicht nur den fein säuberlich geschriebenen Einkaufszettel übernehmen. Denn damit hätte er zwar den Einkauf, aber nicht die gedankliche Last abgenommen.

Den Mamas kann ich nur empfehlen, verabschiedet euch vom Bild der perfekten Mutter. Die gibt es nicht! Ich hadere selbst sehr oft mit meinem eigenen Perfektionismus, aber Dinge einfach mal auflaufen oder liegen zu lassen, um dem Umfeld klarzumachen „Mama muss nicht immer an alles denken“, bewirkt tatsächlich manchmal Wunder (ich sage nur Spülmaschine). Denn wer immer alles selbst machen will, weil es „sonst eh nicht gut wird“, darf sich nicht beschweren, wenn die anderen Däumchendrehend zusehen, wie man sich selbst in den Wahnsinn organisiert.

Das klappt bei mir auch nicht immer, aber der Anfang ist gemacht. Ob sich meine Schwiegermutter über das Topfset freut, weiß ich nicht, aber ihr Sohn hat es mit Liebe ausgesucht. Glaube ich wenigstens.

Der Test – finde heraus wie groß dein Mental Load ist

Es gibt den Mental Load Test @home, konzipiert und umgesetzt von Johanna Lücke, der dazu beitragen soll, sich gemeinsam mit dem Partner über die Verteilung der Care Arbeit im Privaten auseinanderzusetzen. Vielen ist gar nicht bewusst, wie viel respektive wenig Anteil sie daran haben. Probiere es doch mal aus und finde heraus, wie du und dein Partner (gedankliche) Arbeit unter euch aufteilt.



[1] Quelle Wikipedia

Den Test findest du auch auf www.equalcareday.de


Wie gut hast du deinen Mental-Load im Griff? Verrate mir deine Strategie, um damit umzugehen.

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