Letzter Strohhalm Online-Dating. Wenn der in nem Cocktail steckt, geht’s eigentlich. Oder, halt mal…

Ich hasse Online-Dating. Fast so sehr wie Fisch. Aber im Gegensatz zu den Meerestieren gibt es im fortgeschrittenen Datingalter von 30plus leider keine vegetarische Alternative zu Apps und Co. Denn wie wir ja schon einmal festgehalten haben: Wo zur Hölle lernt man denn noch jemanden kennen?

Bei der Arbeit. Joa. An dem Ort, an dem sogar der Chef jünger ist als ich (verheiratet, zwei Kinder, by the way) und der Rest der ’94er Jahrgänge in seinen einmal zu weit hochgekrempelten Skinnyjeans die Instagram-gefilterte Freundin – geboren im Jahr 2000 – per FaceTime anschmachtet. Oder den Hauptteil des Tages damit verbringt, auf dem Büroklo die nächste „Happy Friday, liebe FitFaaaaam. Ess ich heute Low-Carb-Pancakes oder glutenfreies Müsli zum Frühstück?“- Story zu fabrizieren.

Ich habe mich lange gegen das Onlinegedate gewehrt. Nicht etwa, weil ich kein digital aufgeschlossener Mensch wäre. Sondern weil ich diese künstlich herbeigeführten Abchecksituationen verabscheue. Zuerst muss man ein ansprechendes Profil erstellen. Immer im Hinterkopf, dass man auch ja nicht den Anschein erweckt, leicht zu haben oder gar verzweifelt zu sein. Positiv ist: Inzwischen erklären die Herren gleich im Vorfeld, dass sie keine feste Beziehung suchen. Und fragen sogar schon im zweiten Satz, ob man denn „ihr Profil gelesen hätte“, in der sie eine devote Partnerin für diverse Außerbeziehungsaktivitäten suchen. Ich lese seitdem tatsächlich etwas aufmerksamer.

Und dann die immer gleichen, ätzend langweiligen Konversationen.

„Hi.“

„Hi.“

„Naaaaaa, hattest Du ein schönes Wochenende?“

„Ja, und du?“

„Auch. Woher kommst du denn?“

……..

…………………

Oh, Verzeihung. Ich war kurz eingenickt. Jedenfalls muss man jedes verdammte Mal einem fremden Menschen wieder seine komplette Lebensgeschichte erzählen. Ich verstehe daher, dass besonders Männer oft schon im Profil ankündigen, dass sie nicht so gerne lange hin und her schreiben, sondern sich lieber gleich treffen. Kann man natürlich so oder so interpretieren. Und als Frau muss man erstmal abstecken, ob da vielleicht nicht doch ein Axtmörder auf sein nächstes Opfer lauert.

Und ich bin sowieso komisch mit Fremden. Ich kann diese Angst gar nicht genau benennen, aber der Gedanke, mich mit einem Kerl treffen zu müssen, den ich überhaupt nicht kenne, verursacht bei mir Schnappatmung und Brechreiz. Plötzlich erscheinen mir die einsamen Winter-Sonntagnachmittage auf dem Sofa gar nicht mehr sooooo furchtbar schrecklich. Und putzen müsste ich ja auch mal wieder. Und was gibt’s eigentlich Neues bei Netflix?

Dabei habe ich eigentlich noch gar keine wirklich schlechten Erfahrungen gemacht. Zugegeben, ich habe mich in all den Jahren mit exakt drei Männern getroffen. Aber das ekelhafte Gefühl war jedes Mal dasselbe. Man sitzt sich gegenüber und über dem Tisch in dem selbstverständlich von mir ausgewählten Café – denn es ist Samstag Nachmittag, 15.00 Uhr. Taghell und ich habe vorsorglich einen Anschlusstermin geplant. Man weiß ja nie. – wabert eine Gedankenwolke, die aus beiden Köpfen raucht. Könnte das mein Mensch für’s Leben sein?

Und allein dieser Druck macht für mich schon jegliche objektive Beurteilung nebst irgendeiner Anziehung zunichte. Jaaa, man muss sich davon befreien und das locker angehen. Das versuche ich. Aber diese strange Energie lässt sich einfach nicht wegchillen.

Wo sind die Tage hin, an denen man auf Partys von Freunden neuen Leuten begegnet ist, mit denen man sich nicht einmal zwingend gleich unterhalten hat? Man hatte Zeit zu beobachten. Wie sind die so? Mit wem sind sie befreundet? Und vor allem: Wie verhalten sie sich, wenn sie unbeobachtet, sprich nicht in einer Datingsituation sind, in der sowieso jeder erstmal versucht, seine klinisch-psychologischen Störungen zu verbergen? All diese Dinge werden bei einem Blind Date ausgeblendet. Dabei sind sie essentiell, um beurteilen zu können, wer einem da eigentlich gegenüber sitzt.

Zu lange mit jemandem Nachrichten auszutauschen, ist aber leider auch nicht förderlich. Dabei kann sich ein Bild aufbauen, das sich nach dem Treffen so schnell in Luft auflöst wie Cinderella nach dem Ball um Mitternacht. Denn auch hier gilt wieder: Die Checkliste kann noch so gut abgehakt sein. Es bleibt immer ein unkalkulierbarer Restwert, der sich aus Gestik, Mimik, Selbstsicherheit, Ausstrahlung– ich arbeite seit Jahren an der atomaren Aufschlüsselung. Ohne Erfolg, wie man sieht. Und das macht mich wahnsinnig. – zusammensetzt. Und der das entscheidende Zünglein an der Waage ist, das die gesamte Operation zum Scheitern bringen kann.

Welcome to Tinderanien. Not my favourite place, I must say.

Eines meiner Blind Dates fand bei ihm Zuhause statt. Trotz meiner Einwände und der Verwunderung darüber, dass er einfach nicht einsehen wollte, dass das für mich ein Risiko darstellt.  Es ist gut gegangen und ich mache das auch nie wieder. Aber da wir schon sehr lange Kontakt gehabt hatten und ich ihn unbedingt kennenlernen wollte, ließ ich mich darauf ein. Als er mir die Tür öffnete, bekam ich einen Hustenanfall. Ich weiß bis heute nicht wieso, aber ich denke, mein Körper wollte mir etwas mitteilen. Es gab keine weiteren Dates.

Ich glaube inzwischen, dass allein diese widrigen Umstände für mich schon jegliche Chemie zunichte machen. Der Druck, auf den ersten oder zweiten Blick entscheiden zu müssen, ob das was werden könnte. Es wird nie was. Meine Rezeptoren und mein Bauchgefühl scheinen jedes Mal einen Totalausfall zu erleiden. Und springen nie wieder an.

Aber: Eines dieser Dates wurde tatsächlich kurzzeitig mein Freund. Was er für ein toller Mensch ist, wurde mir leider erst bewusst, nachdem wir uns getrennt hatten. Und selbstverständlich inzwischen eine andere Frau erkannt hatte, was sie da für einen seltenen Fisch an der Angel hat. Aber ja, ich verstehe auch, dass man nicht monatelang auf Abstand bleiben kann, damit das Frollein frei von jeglichen Panikattacken sein Urteil fällen kann. Und auch ja, ich habe da wohl ein kleines Nähe-Distanz-Problem.

Aber trotzdem: Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir wieder mehr Situationen herbeisehnen, in denen ich einfach nur beobachten kann. Um mich dann wieder zielsicher in das größte Narzisstenarschloch im Raum zu verlieben und drei Jahre an ihm hängen zu bleiben. Aber das ist eine andere Geschichte.

Meistens ist das Heißeste an einem Blind Date der Kaffee. Aber auch nur, wenn man Glück hat.

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