Willkommen in 2020: Ich gender mir die Welt, wie sie mir gefällt – oder nicht?

Es ist 2020 und wir gendern was das Zeug hält. Wir unterscheiden zwischen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter*innen oder doch Mitarbeitenden (m/w/d). Das ist wichtig, um niemanden zu diskriminieren. Finde ich auch. Wir haben es also geschaft, uns begrifflich zu emanzipieren und es wurde Raum geschaffen für ein drittes Geschlecht, das zuvor vollkommen ignoriert wurde. Doch trotz dieser scheinbar neuen Gleichberechtigung schaffen wir es nicht, uns von Genderstereotypen zu befreien.

Mädchen tragen rosa, Jungen blau

Als ich vor ein paar Tagen in der Bekleidungsabteilung eines Kindergeschäftes stehe, schwanken meine Gefühle zwischen Entsetzen und Empörung. Eigentlich möchte ich dem Waldmädchen nur ein paar neue Sachen für den Schulbeginn kaufen, irgendetwas nettes, gerne buntes, vielleicht sogar mit Pferden. Aber plötzlich finde ich mich in einer rosa Tüll-Hölle zwischen Disney Merchandising und einem Meer aus Wendepailletten wieder.

Mein besonderes Augenmerk fällt auf die Mädchenshirts, mit Aufdrucken wie „Lovely & Friendly“ oder zu meinem großen Unmut sogar „Kiss me“. Bitte warum muss so etwas auf dem Shirt für kleine Mädchen stehen? Das Pendent in der Jungenabteilung sind der „Working Hero“ in Verbindung mit einem lustigen Baggerbild oder der „Goal Getter“ mit obligatorischem Fußball. Ist doch komisch, dass den Geschlechtern diese Attribute wie selbstverständlich zugewiesen werden. Ich weiß, das ist keine neue Diskussion und einige Modeketten sind dazu übergegangen ihre Aufdrucke etwas hipper zu gestalten. Aber das Gros der Kinderkleidung bedient immer noch jegliche Genderstereotype.

Ich stelle mir die Frage, ob es in einer Zeit, in der wir über Toiletten für der dritte Geschlecht an Grundschulen diskutieren, nicht auch an der Zeit wäre damit aufzuhören, alles wie selbstverständlich in Geschlechter-Schubladen zu stecken. Dabei meine ich nicht nur Kinderkleidung. In jungen Jahren bekommen Kinder oft klar vorgegeben, was dem Bild des Mädchens oder des Jungen vermeintlich zu entsprechen hat.

Ein Kaninchen im Mittelpunkt einer Genderdebatte

Aktuellstes Beispiel in unserem Hause: Bei uns sind vor Kurzem zwei männliche Kaninchen eingezogen. Dem Waldmädchen war sofort klar, ihr Kaninchen soll Sternschnuppe heißen. Es folgten Diskussionen mit verschieden Leuten über die vermeintlich falsche Namenswahl für ein männliches Kaninchen. Allen Zweiflern sei zunächst gesagt, dass der Fachbegriff für eine Sternschnuppe „Meteor“ ist, ein absolut maskuliner, von Testosteron nur so triefender Begriff. Die Ehre des Rammlers ist gerettet, ihr könnt euch also entspannen.

Viel wichtiger ist aber doch die Tatsache, dass ein 6-jähriges Mädchen plötzlich mit einem „Problem“ konfrontiert wird, dass vorher in seiner Gedankenwelt offensichtlich nicht vorhanden war. Warum neigen wir Erwachsenen dazu, besonders hinsichtlich der Geschlechter, in ein „richtig“ und „falsch“ zu unterteilen? Lackierte Fingernägel bei Jungs? Auf gar keinen Fall! Braune oder gar schwarze Kleidung ohne Herzchen und Pailletten für ein Mädchen? Das sieht ja überhaupt nicht niedlich aus. Das ist nichts für ein Mädchen.

Angeborene Eigenschaften oder anerzogenes Verhalten

Warum ist die Angst, nicht der Norm zu entsprechen bei vielen Menschen so dominant? Natürlich sind wir alle geprägt von unseren Eltern und unserem Umfeld. Vorurteile und Verhaltensweisen geben wir an unsere Kinder weiter. Aber gibt es nicht auch die Kinder, die sich schon früh aus den Zwängen der Eltern befreien und vollkommen contraire Ansichten vertreten. Wie viel Prägung durch unsere Eltern und unser Umfeld steckt denn nun wirklich in uns und was bringen wir an Persönlichkeit und Veranlagung mit?

Und wann kommt der Punkt, an dem wir es schaffen, unser angeborenes Verhalten und unsere Neigungen über den Wunsch der Eltern und entgegen der Ansichten der Gesellschaft zu stellen? Einige schaffen das tatsächlich nie und sehen ein Leben lang aus wie das Ebenbild ihrer Eltern. Oft reicht der geistige Horizont dann auch nicht viel weiter als die verstaubten Ansichten ebendieser Eltern. Andere rebellieren früh und stellen sich gegen alle Konventionen. Auch ich bin mit zerrissenen Hosen und Rastazöpfen rumgelaufen. Natürlich auch, um gegen die Eltern zu rebellieren, die mich sicher gerne anders gesehen hätten. Ich glaube, man nennt es Pubertät. Für die Eltern eine wirklich schwierige Zeit, aber extrem wichtig für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit.

Identifikation – das Zauberwort des Erwachsenwerdens

Meine Tochter trug in den ersten 5 Jahren eher neutrale Kleidung. Sie war von klein auf immer schon gerne draußen und mehr der Matschkuchen als Tüllröckchen-Typ. Entsprechend haben wir sie auch angezogen. Sie hat aber auch nie nach etwas anderem gefragt, es war ihr vollkommen egal, ob die Hose rot oder grün war. Vermutlich wie bei 90% der Kinder, die man nicht von Anfang an in ein Geschlechter-Farbkorsett zu pressen versucht. Dennoch möchte sie gerne seit ein paar Monaten öfter mal eine „feine Dame“ sein. Mit hübschen Kleidchen, Ketten und Spängchen. Das darf sie natürlich auch.

Trotzdem frage ich mich, woher es kommt? Ich selbst bin eher casual unterwegs und ich halte es nicht für eine angeborene Eigenschaft einer Frau, sich schminken und nett anziehen zu wollen. Es kann also nur eine, durch das Umfeld geprägte, Identifikation mit einem bestimmten Frauen- oder Männerbild sein.

Kinder müssen sich ausprobieren dürfen. Wenn ein Junge sich die Nägel lackieren möchte, why not? Wenn ein Mädchen gerne an der Werkbank steht, um zu hämmern und zu schrauben, ist doch super. Und Eltern sollten öfter mal den Mut haben, ihren Kindern die Freiheit zu lassen, auch mal nicht der Norm zu entsprechen. Wir alle reden zwar immer davon, wie liberal wir sind, aber wenn der Sohn dann im Prinzessinnenkleid zum Einkaufen mitkommen will, hört der Spaß bei vielen auf.

Statementshirts helfen im Leben nur bedingt weiter

Noch interessanter wird es, wenn wir uns als Erwachsene in bestimmten Berufen etablieren wollen. Vielen Frauen fällt es schwer, sich in einem von Männern dominierten Umfeld durchzusetzen. Da hilft dir ein Shirt mit dem Aufdruck „Lovely & Friendly“ eben nicht weiter. Das wissen auch die männlichen „Working Heroes“. Mit „Kiss me“ käme man hier vermutlich schon weiter, allerdings aus anderen Motiven. Naja, lassen wir das…

Hätten unsere Eltern uns nicht besser auf diese Momente vorbereiten müssen? Plötzlich sollst du als Frau deinen „Mann stehen“, wo du doch als Kind nur mit Mädchenkram spielen durftest. Verkehrte Welt. Wir und unsere Kinder werden immer jemanden um uns haben, der sagt, ein männlicher Hase darf keinen feminin klingenden Namen haben. Der uns glauben lassen will, dass wir gewisse Dinge als Frau oder Mann nicht tun sollten, weil es unserer „Rolle“ nicht entspricht. Auch werden wir immer einen Teil unserer eigenen Erfahrungen und durch unsere Eltern geprägten Vorstellungen auf unsere Kinder übertragen.

Aber nichts von all dem sollte uns daran hindern, unsere Kinder zu starken, selbstbewussten Persönlichkeiten zu erziehen. Die auch außerhalb den, von der Gesellschaft festgelegten Geschlechterrollen, mit ihrem Charakter und nicht mit Äußerlichkeiten überzeugen können.


Was hat euch geprägt? Welche Erfahrungen habt ihr als Kinder oder Heranwachsende mit den Genderrollen gemacht? Und wie sehr werdet ihr als Erwachsene davon beeinflusst? Ich bin gespannt auf eure Meinung.


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One thought

  1. „Trotzdem frage ich mich, woher es kommt? Ich selbst bin eher casual unterwegs und ich halte es nicht für eine angeborene Eigenschaft einer Frau, sich schminken und nett anziehen zu wollen. Es kann also nur eine, durch das Umfeld geprägte, Identifikation mit einem bestimmten Frauen- oder Männerbild sein.“

    Nunja, es ist fraglich, was angeboren ist und was nicht. Korrekt ist, dass es eine Interaktion zwischen Verhaltensweise und Genetik gibt, die das eine als auch das andere beeinflusst. Bestimmte Gene werden durch Umweltbedingungen aktiviert, Umweltwirkungen hängen von Genen ab, die auf Reizbedingungen reagieren. Man konnte beispielsweise schon vor 60 Jahren zeigen, dass über Züchtung Ratten schneller durch ein Labyrinth finden. Entscheidend sind hier die Umweltreize und die genetische Adaption. Ich sehe keinen Grund, warum (wenn wir Sich-schminken und Nett-anziehen-Wollen als Gefallen-wollen subsummieren können [andere Interpretation: Es ist Teil eines Sich-ausprobieren-und-Entdecken-Wollens]) das keinen solchen Effekt auf die Genetik des Menschen bzw. der Frauen haben könnte. Behaviouristische und konstruktivistische Ansätze erheben heute einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit (Simone de Beauvoir: „Man wird zur Frau gemacht“). Jedoch lässt sich einiges empirisch widerlegen (genauer genommen: klarstellen). Aus Sicht der Evolutionspsychologie lässt sich der menschliche Geist in domänenspezifische Module einteilen. Man unterscheidet zwischen adaptiven Anforderungen, Phänotyp, Adaptionen und Modularität des Geistes. Das Modul der Adaptionen sagt, dass natürliche Selektion zur Evolution angeborener domänenspezifischer psychischer Mechanismen zur Lösung spezifischer adaptiver Probleme geführt hat. Darunter dürfte aufgrund der Stärke des Sexualtriebs insbs. als vorteilhaftes Merkmal für den Reproduktionserfolg das Gefallen-wollen zählen. Dieses Verhalten nennt sich intersexuelle Attraktivität. Sexuelle Selektion hat zum Antrieb, sich einen Reproduktionsvorteil verschaffen zu wollen, wodurch sich Merkmale genetisch ausprägen. Insofern wäre es nicht unbedingt abwegig zu vertreten, dass oben Beschriebenes nicht vielleicht doch eine Ausprägung einer angeborenen Komponente sein könnte. Das ist sicher kein komplett bewusst durchdachter Vorgang, sondern (vermutlich) eher eine Auswirkung der frühkindlichen Sexualität.

    Aus pragmatischer und liberaler Sicht würde ich sagen: Lass das Kind sich ausprobieren und das werden können, was es möchte.
    Wichtig ist, sich darüber klar zu werden, dass man als Elternteil, das sein Kind freiheitlich erziehen möchte, es den vermeintlichen und echten Gefahren der Gesellschaft aussetzt und jedes Verbot (nicht ausreichend erklärt, sofern es bereits verstanden werden kann) als Einschränkung wahrgenommen wird und es in gewisser Hinsicht auch ist. Jedes Elternteil oder Elternpaar muss dann für sich entscheiden, was es für das Richtige für sein Kind hält.

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