Ich bin nicht dumm, ich bin nur nicht so laut wie du: Warum ich keine Lebenshilfe von Selbstdarstellern brauche.

Dass ich kein besonders extrovertierter Mensch bin, habe ich an dieser Stelle ja schon öfter erwähnt. Und auch, dass ich dadurch im zwischenmenschlichen Bereich ab und zu ganz schön mit mir hadere. Aber was mich wirklich nervt: Wenn mein unimpulsives, wohlüberlegtes Handeln als Unfähigkeit oder gar fehlende Intelligenz interpretiert wird. Oder sogar dahingehend, dass ich total drauf stehe, der persönliche Sklave von jemandem zu sein.

Ich geb’s ja zu: Manchmal überlege ich zu lange. Weil ich jedes Für und Wider genau gegeneinander abwägen will. Muss. Das ist quasi ein Zwang. Dafür muss ich fast nie zurückrudern, wenn ich mal eine Entscheidung getroffen habe. Better safe than sorry. Ich finde nämlich, nichts ist peinlicher und vertrauensunwürdiger als schnell und lautstark Dinge zu versprechen, die man später kleinlaut zurücknehmen muss. Vor allem im Businessbereich. „Äääh sorry, ich kann die Deadline doch nicht halten. Ist es schlimm, wenn ich zwei Tage später dran bin? Macht Ihnen doch nichts aus, oder?“ Geht gar nicht. Unprofessionell des Überzorns.

Das Luftpumpenbusiness ist einfach nicht so mein Ding.

Gerade bei der Arbeit habe ich sehr schnell gelernt, lieber einen Moment länger über die Machbarkeit eines Projekts nachzudenken, mich zu vergewissern, dass alle beteiligten Parteien die nötigen Kapazitäten frei haben und großzügige Zeitpuffer einzubauen, um hinterher pünktlich abliefern zu können. Ich stand schon vor einem Kollegen, der das eben nicht getan, lieber großspurig dem Kunden einen geradezu lächerlich knappen Umsetzungstermin genannt hatte und mir dann, wenn ich ihm zu verstehen gab, dass das zeitlich nicht mal mit einer Nachtschicht zu schaffen ist, fassungslos sagte „Ja aber ich hab das jetzt schon so zugesagt. Das müssen wir hinkriegen!“ Ja, herzlichen Dank. Nicht wir, sondern ich muss das jetzt hinkriegen. Weil dein Mund wieder schneller als dein Verstand war.

Wie wär’s mit einer schönen Tasse „Einfach mal die Klappe halten“?

Wenn ich das jetzt so schreibe, liest sich das vermutlich sehr vernünftig und richtig. Scheinbar erwarten die Menschen aber genau das Gegenteil von mir. Ich erinnere mich noch sehr genau an die Worte meines Chefs in meinem ersten Feedbackgespräch. „Du musst dir auch mal die Nase blutig hauen.“ So sehr ich das über die Jahre versucht habe: ich wurde nie zur Rampensau ohne Plan, die für 5 minutes of fame, weil ein fast unmöglich umsetzbares Projekt doch noch geklappt hat – im Übrigen meistens gerettet durch das hochstrukturierte Ausbügeln weniger impulsiver Kollegen – ,  dafür drei andere Projekte gegen die Wand gefahren hat. Souveränes Entscheiden mit kalkuliertem Risiko und auch mal ungewöhnliche Wege gehen – kein Thema. Aber am Wettrennen um die kühnste, kostspieligste und unsinnigste Kapriole habe ich mich nie beteiligt.

Aber auch privat steht mir diese Eigenschaft öfter mal im Weg. Spontanität will schließlich wohl überlegt sein. Ja, es stimmt: Wahrscheinlich müsste ich einfach deutlicher kommunizieren, warum ich jetzt grade regungslos und still dastehe, anstatt wie alle anderen einfach loszupreschen. Aber auch hier liegt es wieder in der Natur der Sache, dass ich mich nicht so offensichtlich als Zweifler und damit als Spaßbremse outen möchte. Weil fast niemand versteht, dass ich einfach kurz alle Möglichkeiten im Kopf durchgehen möchte. Vertraut mir einfach. Ich mach das schon. Allerdings in meinem Tempo.

Trotzdem: Eine meiner vielen Challenges ist genau das. Dazu zu stehen, dass ich nicht einfach loslaufen kann. Denn fast immer, wenn ich das nicht tue und ein besonders extrovertierter Mensch in der Nähe ist, werde ich in diesen Momenten einfach überrollt. Mit einem Panzer. Weil mein Schweigen offenbar mit einem Kurzschluss in meinem Gehirn gleichgesetzt wird, aus dem man mich dringend befreien muss. Als hätte ich nichts als ein beckenschlagendes Aufziehäffchen oder eine große Erdnuss im Kopf. Wie Homer Simpson.

Und wenn man dazu neigt, gerne der Anführer zu sein und solche Gesprächspausen gekonnt dazu nutzt, seine eigenen Belange durchzusetzen, kommt einem das ja grade gelegen. „Ah, ich sehe, du hast keine Meinung dazu? Hier hast du meine. Das ist jetzt übrigens auch deine.“ Es mag vor diesem Hintergrund vielleicht überraschen, aber in Gruppen, in denen sich keiner der Beteiligten so fürchterlich dringend hervortun muss, kann ich sehr gut das Wort ergreifen und unter Berücksichtigung aller Befindlichkeiten eine zügige Lösung herbeiführen, die möglichst für alle passt.

Es gibt aber auch Situationen, in denen ich kurz über das nachdenken muss, was mein Gegenüber gerade von sich gegeben hat. „Hat die das grade wirklich gesagt?“ Und schon ist es zu spät für einen Konter und man selbst mittendrin in der Misere. Beispiel: Ich bin eher der Typ, der im Strandurlaub nur grob plant. Dass man hauptsächlich am Pool ist und vielleicht an einem Tag shoppen geht und an einem anderen noch eine Sehenswürdigkeit besichtigt. Da bin ich wirklich entgegen meiner sonstigen Natur nicht besonders durchgetaktet. Ich hab ja schließlich Urlaub.

Wer am lautesten schreit, hat Recht. Für mich einer der am weitesten verbreiteten Irrtümer.

Extrovertierte Menschen nehmen das aber zum Anlass, mir schon auf der Fahrt vom Flughafen zum Hotel minutiös jeden Tag vorzubeten. „Und dann machen wir morgens das und dann können wir ja…. und dann noch…“. Und irgendwann schalte ich einfach ab. Weil ich merke, dass ich sowieso keine Chance und auch keine Lust habe, da noch groß mit dem Alphatier rumzudiskutieren. Und vielleicht ist es mir tatsächlich auch egal. Aber hinterher ärgere ich mich. Nur aus Prinzip. Weil ich mich schon wieder einfach so überfahren lassen habe.

„Hol mir mal ’nen Löffel!“

Als Küchenlegastheniker fand ich es immer super, wenn im Urlaub jemand das Kochen übernommen hat, der es auch wirklich beherrscht. Und so habe ich eben Gemüse geschnippelt, den Tisch gedeckt, hinterher mit abgeräumt und das Geschirr abgetrocknet. Aber wehe, ich hatte mal eine Sekunde nichts zu tun und habe zugeschaut. Weil ich vielleicht noch was lernen konnte. Und schon wurde ich zum persönlichen Lakaien degradiert. „Hol mir mal die Butter. Gib mir mal ’nen Löffel.“ Ähm, wenn du kurz zur Seite gehst, weil du nämlich viel näher am Kühlschrank und an der Besteckschublade stehst als ich – total gerne. Echt jetzt? Sowas würde mir einfach im Traum nicht einfallen.

Liebe Selbstdarsteller. Nur weil ich die Fähigkeit besitze, auch mal für einen Moment ruhig dazustehen, ist das keine Aufforderung, mir einen Klaps auf den Hinterkopf, Nachhilfe im Denken oder gar irgendwelche Idiotenaufgaben zu geben. Dazu bin ich einfach nicht dumm und devot genug, das tut mir außerordentlich Leid für euch. In den meisten Fällen tue ich das, was euch ab und zu auch gut tun würde: Ich beobachte. Und denke nach. Zugegebenermaßen an der einen oder anderen Stelle auch mal zu viel. Aber oft einfach nur deswegen, weil ich aus Rücksicht auf euch nichts falsch machen möchte. Ich gelobe Besserung. Und überfahre euch demnächst vielleicht einfach auch mal. Mit zwei Panzern.


Kennt ihr das auch, dass eure eher besonnene Art gerne von Selbstdarstellern ausgenutzt wird? Und schafft ihr es, in der Situation Grenzen zu ziehen? Oder steht ihr wie ich oft mit offenem Mund da und versteht die Welt nicht mehr? Verratet es uns, hier oder auf Facebook, Instagram und Twitter.

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