Holiday, celebrate. Oder?

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Eins vorweg: Ich mag Kinder. Wirklich. Aber es gibt Situationen im Leben einer 39jährigen Singlefrau, da möchte man den Dingen auch mal entfliehen. Dem Job. Dem nervigen Date. Dem Hausdrachen. Und auch dem Rudel Pärchen mit Kindern, in das sich die Freunde um einen herum in den letzten zehn bis zwölf Jahren nach und nach verwandelt haben. Und da der Abstand diesbezüglich temporär nicht groß genug sein kann, lasse ich mich für eine Woche in Richtung Süden fliegen. Heeerrlich.

Leider habe ich die Rechnung ohne die nicht schulpflichtigen Kinder samt ihrer MOMsters[1] und den anhängenden Erzeugern gemacht. Schon im Flugzeug werde ich die kompletten 1 h 10 Minuten von dem Gebrüll eines etwa 8 Monate alten Babys beschallt (ja, mittlerweile bin ich ziemlich gut im Kinderalter schätzen. Kleiner Nebeneffekt der jahrelangen Beobachtungen im Freundeskreis). Ok, den ekligen Druck auf den Ohren kann ich sogar nachfühlen.

Als wir endlich gelandet sind und nach einer Stunde Fahrt verschwitzt und klebrig im Hotel ankommen, bin ich eigentlich schon durch für den Tag. Denn auch im Bus vernehme ich mit größter Freude das Quengeln des fünf- – Pardon, fünfEINHALB-jährigen. So viel Zeit muss sein – Lukas aus der Schweiz, der partout nicht sitzen bleiben will und es lieber vorzieht, der Barbie seiner dreijährigen Schwester Céline mit seinem Minitaschenmesser einen neuen Haarschnitt zu verpassen. Was auch immer ein Fünfjähriger mit einem Messer zu schaffen hat. In der Schweiz wird man wohl schon früh auf das harte Leben vorbereitet.

Céline findet das natürlich überhaupt nicht amüsant und der Gebrüllteufelskreis nimmt seinen Lauf. Ich denke sehnsüchtig an das Päckchen Ohropax, das ich in weiser Voraussicht und selbstverständlich ganz unten in meinen Koffer gepackt habe, der sich aktuell außer Reichweite im unteren Teil des Busses befindet. Und versuche, mich in einen meditativen Halbschlaf fallen zu lassen, während ich mit halb geschlossenen Augen das Werk von Hairstylist Lukas betrachte. Hinten noch einen Tick kürzer und der Longbob wäre eigentlich Cosmopolitan-Frisurenstrecken-verdächtig, denke ich so bei mir. Aber lassen wir das. Wir sind ja eigentlich auch schon im Hotel angekommen.

Zuerst mal an den Pool. Glücklicherweise finde ich eine freie Liege, weit weg vom Kinderbecken. Und WiFi funktioniert auch. Jackpot. Ich lasse mich mit meinem fancy Hammamtuch, Buch und Sonnenbrille nieder und schiele noch mal unauffällig Richtung Pool. Keine Spur von Heidi und dem Ziegenpeter. Zufrieden lehne ich mich zurück und will gerade mit meinem wohlverdienten Mittags-Nappy starten, als plötzlich Lukas wie aus dem Nichts mit lautem Indianergebrüll seinen überdimensionierten Gummidrachen zu Wasser lässt. Und zwar nicht im Kinderbecken. Das ist nämlich verboten. Welch Ironie.

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An Schlaf ist also aktuell nicht zu denken. Da es auch mittlerweile ziemlich heiß geworden ist, entschließe ich mich zu einem unfassbar mutigen Schritt. Ich erspähe in der hinteren Ecke des Pools ein freies Plätzchen. Nur schnell abkühlen und dann gleich wieder raus.

Ich schleiche also um das Becken zur Dusche, stelle mich kurz drunter und tiptoe mich weiter zum hinteren Beckenrand. Grade als ich mich fast unbemerkt ins Wasser gleiten lasse und zwei Schwimmzüge mache, ditscht mir etwas unsanft von hinten gegen den Kopf. Als ich mich umdrehe, finde mich unterhalb von Lukas‘ SeeMOMster wieder – ach sorry, MONster. Das MOMster befindet sich ja draußen auf der Liege im Schatten, pseudo-schlafend mit dem Rücken zum Pool und tut so, als würde sie das Urwaldgebrüll ihres Sprösslings nicht hören.

Lukas glotzt mich für einen Moment triumphierend von seinem Ross an, um sich gleich darauf laut kreischend direkt neben mir ins Wasser fallen zu lassen. Das war’s dann auch mit der frisch geglätteten Haarpracht. Mit reichlich Chlorwasser in der Nase und auf der teuren Sonnenbrille ergebe ich mich und trete schmollend den Rückzug auf meine Liege an.

Na gut. Dann eben Kopfhörer rein. Die anzüglichen Lyrics von Chris Browns neuem Album sind jetzt genau das richtige Kontrastprogramm. Wann Lukas‘ Eltern sich sowas wohl zum letzten Mal angehört haben? Zugegeben: Wenn man Kinderhörspiele mal genauer betrachtet, kann man da durchaus auch die eine oder andere Zweideutigkeit reininterpretieren. Whatever floats your boat.

Endlich ist die Welt um mich akustisch ausgeblendet. Mit geschlossenen Augen ist auch alles nur noch halb so schlimm. Die Sonne trocknet mich angenehm – und bräunt mich hoffentlich auch anständig. Sonst sagen die Kollegen im Büro wieder „Hääääh, warst du gar nicht weg?!“ Eine einsame, nervige Fliege kitzelt mich am Schienbein. Ich schüttle sie ab. Und schon ist sie wieder da. Irgendwie fühlt sich das komisch an. Entweder hat die Fliege in den letzten 3 Sekunden ihr Gewicht verachtzenfacht oder das ist doch was anderes. Ich öffne die Augen und sehe in das Gesicht eines braungelockten, dunkelblauäugigen Mädchens, das mir mit seinem winzigen Zeigefinger auf’s Bein tippt. Céline. Ich möchte grade anfangen zu weinen, als sie mir ihre Barbie hinstreckt und auf Schweizerdeutsch mit ihrer Piepsstimme sagt:  „Schau mal, meine Barbie hat eine neue Frisur. Hat mein Bruder gemacht.“

Aus dem Augenwinkel nehme ich wahr, dass Lukas offenbar beim Versuch, seinen Drachen vom seitlichen Beckenrand zu entern, mit dem großen Zeh an der Kante hängengeblieben ist und jetzt, im Bademantel und unter einem Berg von Handtüchern begraben, leise wimmernd und in Embryonalstellung auf der Liege des MOMsters verharrt. Letzteres hat sich widerwillig aus seinem Wachkoma erhoben und redet beruhigend auf ihn ein. Trotz aller moralischer Verwerflichkeit – und nachdem ich mich vergewissert habe, dass nichts Schlimmeres passiert ist – kichere ich mir auch noch Minuten später innerlich nen Ast und verspüre eine unfassbare Genugtuung in mir aufsteigen. Endlich Ruhe im Karton. Ich wende mich wieder Céline zu, die mich mit erwartungsvollen Augen ansieht. Eigentlich ist sie ja wirklich sehr niedlich.

Trotzdem. Für das nächste Jahr habe ich mir mit Freunden ein Haus fernab aller Zivilisation gemietet. Mit Fitnessraum und Pool. Und meinem eigenen Gummitier. Einem sehr viel stylischeren selbstverständlich.

[1] MOMster: Mom + Monster

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