Hilfe, ich bin mit einem Narzissten befreundet – wenn es zu 100% ok ist, Menschen aus seinem Leben zu werfen.

Narzissmus. Ein Wort, das irgendwie in den letzten Jahren zur Mode geworden ist. Für jede problematische Beziehung. Eine Art Universallösung, um Trennungen zu rechtfertigen. Scheinbar ist Selbstbezogenheit und Ich-Zentriertheit zu einer Art Volkssport geworden.

Kaum verwunderlich, liest man doch in jedem Selbstoptimierungsratgeber und auf jeder selbsternannten Ratgeberseite mit Memes auf Instagram ständig davon, dass man seinen eigenen Weg gehen soll, ohne Rücksicht auf andere. Dass man am Ende des Lebens nicht zurückschauen und sagen soll „Ich habe immer nur das gemacht, was andere von mir wollten“ und sich dann eingestehen muss, dass man niemals seinen Traum gelebt hat.

Für Leute, die sich schwer damit tun, ihr eigenes Ding durchzuziehen und immer nur darauf hören, was anderen sagen, ist das sicherlich eine gute Sache. Und ein bisschen narzisstisch veranlagt sind wir doch alle. Sagt die Psychologie. Was aber, wenn die Selbstoptimierung komplett in rücksichtlose Empathielosigkeit umschlägt und im schlimmsten Fall zwischenmenschliche Beziehungen sogar nur noch Mittel zum Zweck sind? Und das gar nicht mal nur in romantischen Beziehungen, sondern auch in Freundschaften?

Narzissten als Partner kennt man inzwischen. Und in Freundschaften?

Mir war lange nicht klar, was Narzissmus überhaupt bedeutet. Wenn ich in irgendeiner Form eine Trennung hinter mir hatte, tat ich das, wovon jeder abraten würde: Ich googelte. Ziemlich schnell stolperte ich über den Begriff „Narzissmus“. Der ziemlich gut zusammenfasste, was meine Ex-Partner so an schlechten Eigenschaften gehabt hatten. Mehr oder weniger ausgeprägt, aber immer sehr treffend. Und tatsächlich auch im engsten psychologischen Wortsinn.

Charismatische Typen, die scheinbar everybody’s darling waren, wo immer sie hinkamen. Die sich aber im Laufe der Zeit als empathie- und rücksichtslose Egoisten entpuppten, die immer nur auf den eigenen Vorteil aus waren. Und jede ihrer zwischenmenschlichen Beziehungen nur aus einem Grund eingingen: um sich einen Vorteil zu verschaffen. Sei es einen beruflichen oder einfach nur, um noch einen Bewunderer mehr an ihrer Seite zu haben.

Und genauso schnell musste ich feststellen, dass ich mit meinen Charaktereigenschaften und Unsicherheiten der perfekte Gegenpart für solche Menschen bin. Ich begann, alle meine Beziehungen zu durchleuchten und bemerkte: selbst in meinem Freundeskreis befanden sich Leute, die ich heute ohne zu zögern als Narzissten bezeichnen würde.

Oft wurde ich gefragt: „Wie kannst du denn mit der befreundet sein?!“

Man fragt sich nun: wie können solche Freundschaften überhaupt über längere Zeit funktionieren? Einerseits durch die schon erwähnten gegensätzlichen Persönlichkeitsstrukturen. Irgendwas hat man ja trotzdem immer gemeinsam. Man hat einen ähnlichen Humor, ähnliche Lebensumstände, vielleicht arbeitet man zusammen, kennt die gleichen Leute. Und einem davon macht es zunächst nichts aus, zurückzustecken.

In einer normalen Freundschaft sollte sich das abwechseln. Je nach Lebenssituation ist der eine mal der erfolgreichere, mal der andere. Die eine die, die Hilfe braucht, oder die andere. Eine narzisstisch geprägte Freundschaft funktioniert aber nur, solange ein Part gewillt ist, immer einen Schritt hinter dem anderen zurückzubleiben. Kleine Erfolge werden grade noch so toleriert, vordergründig mitgefeiert. Aber wehe, der Narzisst wird in irgendeiner Form überholt. Vom anderen in den Schatten gestellt. Frechheit. Der ist doch da, um mich zu bewundern! Und außerdem kann der doch gar nicht besser sein als ich.

Solche Situationen habe ich in Freundschaften öfter erlebt. Und ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass es nicht normal ist, wenn einem Erfolge in einer Freundschaft unangenehm sein müssen. Dass es nicht cool ist, freudestrahlend von einer Gehaltserhöhung zu erzählen, auf die man lange gewartet und sie endlich bekommen hat. Und dann in ein sich verfinsterndes Gesicht zu blicken, das Mühe hat, die Kinnlade oben zu behalten. Statt sich mitzufreuen.

Zwei Frauen streiten. Narzissten sind nicht kritikfähig.
Wer es wagt, einen Narzissten zu kritisieren, lebt gefährlich. Majestätsbeleidigung auf höchstem Niveau.

Wenn einem ständig gesagt wird, was mit einem nicht stimmt und dies dann als „unabdingbare Ehrlichkeit“ in einer Freundschaft verkauft wird. Umgekehrt aber sofort das Gespräch abgebrochen wird, wenn man es wagt, Kritik am anderen zu üben. Und dann ganz weit ausgeholt und über ein wohl unterschiedliches Verständnis von Freundschaft philosophiert wird. Um dann am besten noch Dritte mit in die Argumentation mit einzubeziehen: „Also, die anderen finden dich ja auch komisch.“

Da habe ich zum ersten Mal bemerkt, dass mein Gegenüber nicht halb so selbstbewusst ist, wie es scheint. Dass das Kartenhaus ganz schnell in sich zusammenfällt, wenn es mal Gegenwind bekommt. Und hier ganz offensichtlich Angriff als die beste Verteidigungsstrategie gewählt wurde. Nicht dass noch einer merkt, wie unsicher der Narzisst in Wirklichkeit ist. Auch ein ganz typisches Vorgehen.

Passend hierzu gibt es eine Taktik, die „Gaslighting“ genannt wird. Sobald der Gegenpart aufbegehrt, Kritik am Narzissten übt oder gar seine zugewiesene Rolle als „Untergebener“ verlässt, wird ihm vom Narzissten eingeredet, er würde sich alles nur einbilden. Empathielosigkeit und das nicht Ernstnehmen der Bedürfnisse des anderen bis hin zur Unterstellung, man müsse sich ja wohl in Therapie begeben, sind häufig beobachtete Phänomene. Dabei ist paradoxerweise der Narzisst derjenige, der eine Therapie benötigen würde.

Früher dachte ich, ich könnte solche Menschen, respektive Männer, heilen. Die Wahrheit ist jedoch: je mehr man sich mit ihnen beschäftigt, desto weiter wird man in ihren Sog hineingezogen und spielt ihnen in die Karten. Denn der Narzisst lebt einzig und allein davon zu nehmen. Während der andere glaubt, er würde irgendwann einmal irgendetwas davon zurückbekommen.

Ich bin mit einem Narzissten befreundet. Und jetzt?

Der erste Schritt für mich war, diese Strukturen überhaupt zu erkennen. Sich daraus zu befreien, ist aber eine ganz andere Nummer. Wenn man dazu neigt, immer die Schuld bei sich selbst zu suchen, ist das der perfekte Nährboden für solch ungute Beziehungen. Und zieht diese in den unterschiedlichsten Formen immer wieder an. Wie kann man also gegensteuern?

Für mich war sehr wichtig, meine Umwelt zu beobachten. Wie gehen andere mit diesem Menschen um? Denn ich war ja der Ansicht, dass ich die Bescheuerte in dieser Konstellation war – eingetrichtert vom Narzissten persönlich. Und relativ schnell habe ich bemerkt, dass die meisten anderen eines entscheidend anders machten als ich: Sie hielten Abstand.

Die einen hörten sich zwar die immer ausgeschmückten Geschichten des Narzissten an, in denen er selbstredend der Held war. Stets lustig und gut erzählt, zugegebenermaßen. Aber mehr als ein Lachen oder auch ein Augenrollen verschwendeten sie nicht. Andere versuchten sogar, den direkten Kontakt zum Narzissten weitestgehend zu vermeiden und mich stattdessen als Mittelsfrau einzusetzen, wenn sie mit ihm kommunizieren oder ihn beeinflussen oder gar kaltstellen wollten. Entweder auf die schmeichelnde Art („Ihr seid doch so gut befreundet!“) oder auch unterschwellig drohend („Du verlierst hier dein Standing, wenn du dich weiter mit xy rumtreibst.“).

Spätestens hier befand ich mich in einer Zwickmühle. Auf der einen Seite der Narzisst, der meine bedingungslose Loyalität forderte, egal was er sich erlaubte. Denn nur so war das seiner Meinung nach eine richtige Freundschaft. Auf der anderen Seite Menschen, die auf eine bestimmte Art für mich selbst wichtig waren und irgendwie Recht hatten, mich aber auch auf ihre Weise für ihre Belange gegen den Narzissten einspannten.

Hier kommen für mich wieder die Memes ins Spiel. Ich musste mich entscheiden. Und zwar für keine der beiden Seiten. Sondern für mich und meine Bedürfnisse. Und die Erlaubnis, meinem Bauchgefühl zu vertrauen. Dass ich eben nicht spinne. Und dass bei genauerer Betrachtung die wenigen Menschen, die sich im engsten Dunstkreis des Narzissten aufhielten, eines mit mir gemeinsam hatten: Sie blieben alle immer einen Schritt hinter ihm zurück. Da gleichwertige Beziehungen mit ihm einfach nicht funktionierten.

Wenn sich das Ende einer Freundschaft nach Freiheit anfühlt, hat man wahrscheinlich Vieles richtig gemacht.

Narzissmus lässt sich nicht heilen. Vor allem deswegen, weil die wenigsten Narzissten überhaupt so selbstreflektiert sind und erkennen, dass sie ein großes Problem haben. Daher kann man nur eines tun: Sich fernhalten. Grundsätzlich fällt es mir schwer, Menschen, die mir einmal wichtig waren, hinter mir zu lassen. Aber diese neue Betrachtungsweise hat mich viel über mich und meine Beziehungen und Freundschaften lernen lassen. Dass man ruhig viel geben darf, aber es auch einen Punkt gibt, an dem man das nicht mehr muss. Und dass man Menschen loslassen darf.

Wenn das Ende einer Freundschaft sich wie eine Erleichterung anfühlt, war es vermutlich richtig so. Und ich kann heute ohne schlechte Gefühle daran zurückdenken, da ich durch sie eine für mich sehr wichtige Entwicklung erfahren konnte. Und es gab ja auch gute Zeiten. Aber wenn die schlechten überwiegen, sollte man gehen.


Im Netz findet man viele Artikel und persönliche Erfahrungen zum Thema Narzissmus. Es lohnt sich, sich hierzu einzulesen. Solche Beziehungen können auch von psychischer oder auch physischer Gewalt geprägt sein. Solltest du persönlich unter einer Beziehung zu einem Narzissten leiden, scheue dich nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

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