Hilfe, ich bin eine Social Media Mom! – Wie mich diese Erkenntnis zu meinem ersten Shitstorm brachte

Hallo, ich bin Jasmin und seit zwei Jahren eine Social Media Mom. Zuerst wollte ich es mir nicht eingestehen, der Konsum begann schleichend. Ein Foto hier, ein schlaues Zitat da. Ich dachte, das ist doch nicht schlimm, ich kann ja einfach wieder damit aufhören. Aber irgendwie bin ich dann immer tiefer reingerutscht. Am Anfang konnte ich es auch noch ganz gut verstecken, aber irgendwann haben mich Bekannte darauf angesprochen. Da musste ich mich schließlich bekennen. Ja, ich gestehe, ich bin eine Social Media Mom und verbringe Zeit damit, Menschen, die ich noch nie persönlich getroffen habe, auf Instagram aus meinem Leben zu erzählen.

Was mir echt geholfen hat war, dass ich nicht allein bin. Es gibt viele von uns. Unzählige. Das Internet ist voll von uns. Frauen aller Altersklassen, Herkünfte und Sozialschichten zeigen ihr Kleider-, Kühl oder Badezimmerschränke. Sie lassen uns an ihrem morgendlichen Kaffee genauso teilhaben wie an der Einschulung ihrer Kinder, dem Stress mit dem Freund oder dem Durchfall der Katze. Isses nicht schön? Nein? Belangloser Mist? Sagt das nicht. Würden sich nicht Millionen Menschen diese, zugegebenermaßen manchmal tatsächlich sinnfreien Inhalte ansehen, wäre der Markt dafür nicht so gigantisch groß. Also, keinen Hate bitte!

Selbst schuld, wenn du das öffentlich machst

Das mit dem Hass im Internet ist ja auch so eine Sache. Als aktive Social Media Mom kann ich euch sagen, nichts tut so weh, wie ein richtiger Scheißesturm…pardon… Shitstorm. Und den hast du ganz schnell an der Backe, wenn du dein Leben, deine Ansichten oder deine, natürlich mit Rabattcode gekaufte, Zahnbürste mit der Öffentlichkeit teilst. Grund genug, es nicht zu tun, oder? Warum mich angreifbar machen, wenn ich die letzten 40 Jahre auch ganz gut ohne ein öffentliches Instagram Profil ausgekommen bin?

Vielleicht ist es mein Drang nach Selbstdarstellung. Vielleicht der Spaß an der Interaktion mit fremden Menschen. Vielleicht sogar die geheime Hoffnung, irgendwann mit den eigenen Texten Geld zu verdienen? Wahrscheinlich ist es ein bisschen von alledem. Muss ich mir dann nicht auch fairerweise den Vorwurf gefallen lassen, dass ich damit rechnen muss, auf Menschen anderer Meinung zu treffen, die mich für meine Worte oder Bilder kritisieren werden. Getreu dem Motto, ein kleines Scheißestürmchen hat noch keinem geschadet?

Aber wo genau hört eine freie Meinungsäußerung auf und wo fängt ein Shitstorm an? Wie viele Menschen müssen meinen Content eigentlich doof finden, bis es ein echter Shitstorm ist? Und fällt das nicht eigentlich alles unter die Überschrift Meinungsfreiheit?

Mein ganz persönlicher Shitstorm Moment

Ich selbst habe schon die Erfahrung gemacht, öffentlich für meine Inhalte angegriffen zu werden. Es ging um einen Artikel, den ich geschrieben habe: 10 Dinge, die man einem Mann, aber keiner Frau sagen würde. In meinem Instagram Post zu diesem Artikel schrieb mir eine Dame, wir Frauen sollten uns nicht immer zu Opfern machen und rumjammern. Als ich zurückschrieb, dass es nichts mit Jammern zu tun habe, wenn ich Fakten darlege, legte sie erst richtig los. Und auch zu jedem weiteren Kommentar anderer Leserinnen gab sie ihren eigenen, für mein Empfinden, noch absurderen ab.

Wir befanden uns irgendwann mit mehreren Frauen in einer, für alle anderen Beteiligten, unangenehmen Diskussion, in der von ihr Sätze fielen wie „Selbstbewusste Frauen müssten keine Angst haben vergewaltigt zu werden.“ Ich ärgerte mich maßlos, war mir aber auch bewusst, dass sie nicht aufhören würde, so lange ihr immer wieder jemand antwortete, denn die Diskussion als Ganzes erregte zwar die Gemüter, drehte sich aber inhaltlich im Kreis.

Es gab zwei Möglichkeiten. Ich hätte sie blockieren und damit all ihre Kommentare ausblenden können, fand aber auch, das jemand, der sich den Post später durchlesen würde nicht erfassen könnte, über was all die anderen (zu recht) so hitzig diskutiert hatten. Darum beschloss ich, diesen 1-Frau-Shitstorm so stehen zu lassen. Auch wenn es mir inhaltlich bis heute widerstrebt. Wer es nachlesen möchte findet den Instagram Post hier.

Aber auch das gehört als Social Media Mom irgendwie dazu. Wenn ich mich entschließe, Dinge öffentlich zu zeigen und zu diskutieren, muss ich auch ein bisschen Wind von vorne aushalten können. So lange er nicht beleidigend oder moralisch verwerflich ist.

Sind wir nicht alle ein bisschen voyeuristisch?

Nie war es einfacher durch das voyeuristische Schlüsselloch „Social Media“ so nah an anderen Menschen dran zu sein wie in unserer Zeit. Auch war die Hemmschwelle nie niedriger, einen anderen, meinst unbekannten Menschen, zu belehren, zu belächeln oder zu beleidigen. Die Anonymität des Internet macht’s möglich.

Auch liegt es in unserer Natur, dass wir andere Menschen gerne beobachten. Besonders gerne, wenn jemand gerade dabei ist, sich zu blamieren, rumzuzicken oder über die Leichen im Keller zu sprechen. Aus keinem anderen Grund funktionieren die ganzen Reality-, Model- und Datingshows seit Jahrzehnten so gut. Und ich kann mir als Beobachter jede Menge Meinung bilden und diese ungefragt in den Äther hinausposaunen.

In allen von uns steckt ein kleiner Voyeur. Auch ich habe mir schon natürlich-schön gefilterte Beautys angesehen, die schon morgens um 6:37 Uhr so unverschämt frisch und glatt aussehen, dass ich mich kaum traue mit meiner Zahnbürste im Mund vom Waschbecken in den Spiegel hochzusehen. Und auch, wenn ich mit einem wirklich guten Selbstbewusstsein ausgestattet bin, so kann ich doch nicht leugnen, dass diese Damen offensichtlich das richtige Posing beherrschen, um mindestens 7,25 Kilo durch die richtige Bein- und Hüftstellung auf einem Foto wegzuzaubern. Und ja, ich sehe auf dem Foto auch, dass die Badewanne, vor der die Naturschönheit steht, eine verdächtige Delle hat und Teile ihres Oberschenkels fehlen. Ein Schelm, der dabei an Photoshop denkt.

Aber es ist ein Unterschied, ob ich darüber lächle und mit meinem Wissen über diesen kleinen Betrug einfach weiterziehe oder die Beauty mit Bedacht gewählten Worten darauf hinweise, dass ihr da wohl versehentlich ein kleiner Fauxpas passiert ist: „Haha, Foto-Fail, du Opfer“. Konstruktive Kritik und übergriffige Meinungsäußerung liegen manchmal sehr nah beieinander. Und nicht jeder Shitstorm ist gerechtfertigt, nur weil viele zusammen lauter schreien.

So werde ich also auch weiterhin als Social Media Mom meinen Kaffee und meine Gedanken mit euch teilen. Weil es mir tatsächlich Spaß macht. Die einen werden es mögen, die anderen überflüssig finden. Aber das ist vollkommen okay.


Wer Öffentlichkeit will, muss auch einstecken können? Wie ist deine Meinung dazu?


Noch mehr Gedanken, über die diskutiert werden darf gibt`s hier: Achtung, Spoiler! Warum auch ich ein digitaler Fake bin. Die ganze Wahrheit über Social Media.

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One thought

  1. Wer Öffentlichkeit will, muss auch einstecken können – das sehe ich auch so, weshalb ich nicht viel in den sogenannten sozialen Medien preisgebe.
    Ich bin mir sicher, dass die große Mehrheit Eurer Leser und Voyeure Deine geteilten Gedanken bei einem Kaffee gerne lesen.
    Gehört nicht hierhin, aber: Gibt es einen Begriff für das Gegenteil eines Shitstorms? Ich meine einen Begriff für eine lange Liste von übertrieben bis unangenehm wohlwollenden Kommentaren? Vielleicht Zuckerguss / sugar icing. Ich denke, ein Zuckerguss kann auch unangenehm sein.
    LG, Max

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