Naughty and nice: Von der Kunst, meinen Alltags-Menschenhass zu unterdrücken.

Ich versuche ja wirklich, ein guter Mensch zu sein. Gelingt nicht immer, aber ich bin zumindest ständig damit beschäftigt, mich zu reflektieren und zu optimieren. Aber es gibt ein paar Situationen, in denen ich einfach ausflippe. Ok, meistens eher innerlich. Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht unbedingt zu öffentlichen Wutausbrüchen neige. Das passiert nur in einer Umgebung, in der ich mich richtig sicher fühle.

Oder aber, wenn schon so viel Druck auf dem Kessel ist, dass ich keine Kontrolle mehr darüber habe. Dummerweise ist das manchmal der Fall, wenn die Gegebenheiten eigentlich objektiv betrachtet eher harmlos sind. Daher arbeite ich ebenfalls an einer besseren Kanalisierung. Damit nur die Leute meine Wut abbekommen, die sie auch wirklich verdient haben. Oder so.

Mein liebster Menschenhass-Ort: Der Supermarkt.

Ab und zu ist es aber auch zum Haare Raufen. Mein Lieblingsbeispiel ist der Supermarkt. Es gibt durchaus Menschen, die gerne Lebensmittel einkaufen. Ich nicht. Ich hasse es geradezu. Am liebsten renne ich in Rekordzeit durch den Laden und raffe alles zusammen, was zuhause grade fehlt. Und zwar nur einmal in der Woche, weil ich mich danach wieder für mehrere Tage von diesem schrecklichen Erlebnis erholen muss. Nachteil: Man hat irgendwie immer nur die gleichen Dinge im Kühlschrank. Was auch suboptimal ist. Aber einen Tod muss man ja sterben.

Also gehe ich schon mit einer gewissen, sagen wir Grundanspannung los zum Einkaufen. Aber auch ohne Corona kriege ich dort an fast jeder Ecke einen Tobsuchtsanfall. Weil jemand gedankenverloren vor mir herschleicht, um dann genau in dem Moment zu beschleunigen, wenn ich, mühsam den vollgepackten Einkaufswagen navigierend, gerade zum Überholen angesetzt habe. Und zwar so lange, bis er oder sie genau auf meiner Höhe ist und beide wissen: Entweder laufen wir jetzt nebeneinander her, bis eine Wand kommt. Oder einer muss aufgeben. Meistens bin ich das. Mit laut hörbar entnervtem Grunzen. Der Klügere und so.

Junge Frau im Supermarkt mit einer Zitrone in der Hand. Steht mir im Weg rum und schürt meinen Menschenhass
„Sein oder nicht sein?“ Ja, tolle Performance. Aber könntest du mir bitte nicht im Weg rumstehen? Danke.

Besonders sympathisch ist, wenn die gleiche Person einem dann nur Minuten später den Weg vor einem Regal versperrt. Am besten noch mit quer im Gang stehendem Einkaufswagen und einem grenzdebilen Blick Richtung Warenauslage, der mir genau verrät: Da ist keiner zuhause. Du hast keine Ahnung, was du hier willst. Und gehst im Kopf grade nochmal Omas Sauerbratenrezept durch. Oder die Steuererklärung. Oder warum Brokkoli eigentlich so eine lustige Frisur hat.

Das Licht ist an. Aber keiner zuhause.

Während ich genau weiß, was ich gerne aus dem Regal angeln möchte, um möglichst in Rekordzeit wieder aus dem Laden zu flüchten. Und ich hab meine Zeit nicht gestohlen, also bitte AUS. DEM. WEG!

Überhaupt haben solche Menschen das Talent, mir vom Eingang angefangen an allen neuralgischen Punkten im Laden auf den Sack zu gehen. Endlich an der Kasse angekommen, stelle ich fest, dass mein persönlicher Pain-in-the-ass des Tages es nun auch noch geschafft hat, direkt hinter mir in der Schlange zu stehen.

Und mit direkt meine ich direkt. Obwohl ich den Wagen noch voll habe, wird in meinem Rücken schon das Band emsig mit all dem Kram gefüllt, der dann irgendwann nach dem Erwachen aus dem Tagtraum vorhin vor dem Regal doch noch in Zeitlupe den Einkaufswagen wandern durfte. Ohne abzuschätzen, wie viel Platz ich noch in etwa benötige.

Nachdem ich mit Mühe und Not meinen Wocheneinkauf vor dem Trenner auf das Band gestapelt habe und hoffe, dass der aus horizontalem Platzmangel entstandene Turm nicht umfällt, spüre ich auch schon den Atem meiner Hinterfrau im Nacken. Augenrollend mache ich demonstrativ einen Schritt nach vorne. Und, war ja klar: Sie rückt nach. Und ja, auch in Coronazeiten. Hat ja ne Maske auf. Zwar unter der Nase hängend, aber sie hat ja ne Maske auf.

Und es offenbar plötzlich extrem eilig. Komisch, vorhin vor dem Regal sah das eher noch nach Langzeitstudie aus. Ich habe dazu viel zu viel Respekt vor älteren Herrschaften, aber ich ertappe mich ab und zu dabei, dass ich mich beherrschen muss, mich nicht umzudrehen und mit einem freundlichen Lächeln und ausladend-gönnerhafter Geste zu sagen „Gehen Sie ruhig vor, Sie haben ja nur noch begrenzte Lebenszeit.“

Mit krampfhaft unterdrückter Schnappatmung kann ich endlich den leergeräumten Einkaufswagen hinter der Kasse wieder auffüllen. Und das Kartenlesegerät gerade noch so zurechtdrehen, dass Miss Pferdeatem mit ihrem Röntgenblick nicht auch noch meine PIN abfischt.

Ja, natürlich, man könnte diese Leute zurechtweisen. Aber dazu bin ich dann doch meistens zu höflich. Und habe fast Mitleid. Denn die meisten Menschen merken das einfach gar nicht. Und ich frage mich oft, ob ich zu kleinlich bin oder ob man sie darauf hinweisen sollte, dass sie überhaupt kein Distanzgefühl haben. Und ob es dann beim nächsten Mal besser wird und ich wenigstens ihrem nächsten Vordermenschen an der Kasse das Leben ein klein wenig erleichtern konnte.

Nervt das eigentlich jeden? Oder nur mich?

Ja, ich weiß. Ich verlange oft zu viel. Und vielleicht sollte es einfach genauso machen. Aber mir liegt irgendwie nichts ferner, als dass andere Leute wegen meiner Gedankenlosigkeit Umstände, Ärger oder mehr Arbeit haben. Umgekehrt nervt es mich extrem, wenn mich jemand etwas fragt, auf das er oder sie mit einem minimalen Einsatz von Hirnschmalz auch selbst hätte kommen können.

Oder etwas in der Zeit erledigt hätte, in der er mir ausführlich erklärt, was er da grade gekonnt auf mich abwälzen will. Ja, schlaue Menschen delegieren wohl gut. Aber ich mache die Dinge, die ich anleiere, eben lieber selbst. Weil ich nicht möchte, dass jemand denkt, ich bin zu faul und nehme billigend in Kauf, dass jemand anderer Stress hat, damit ich ihn selbst nicht habe. Vielleicht ist das dumm, weil ich dadurch wohl nie ein erfolgreicher CEO werde. Aber vielleicht ist es auch einfach rücksichtsvoll.

Vielleicht rührt es aber auch daher, dass ich grade bei der Arbeit solche Situationen sehr oft erlebt habe. Besonders was die Bedienung von digitalen Oberflächen angeht. Ich war verantwortlich für die Implementierung eines neuen internen Tools. Und natürlich ist man mehr im Thema, wenn man bei der Entwicklung dabei war.

Aber wenn man jeden Tag x Mal von der gleichen Person aus dem Büro nebenan angerufen wird, mit den Worten „Komm mal sofort rüber, hier ist ein Bug im System!“, man das Problem mit einem einzigen Klick löst (der übrigens genau so in meinem idiotensicheren Manual steht. Mit Screenshot in Farbe für die eher äh… visuell begabte Fraktion.) und dann zu hören bekommt „Das hab ich grade genau so gemacht, da hat es nicht funktioniert.“, kann man dem Kollegen schon mal unterstellen, dass er einfach mal wieder zu faul zum Denken war.

Hirn aus, Klappe auf. So macht man sich besonders beliebt.

Überhaupt habe ich den Eindruck, dass es sehr menschlich verbreitet ist, das Denken herunterzufahren, sobald es jemanden gibt, den man fragen kann. Und dass das der Grund ist, warum beispielsweise IT-Abteilungen alle anderen, und vor allem das Marketing, besonders hassen. Für mich völlig nachvollziehbar. Erstmal motzen, dass das System schon wieder ne Macke hat und sich dann selbst als das eigentliche Problem entlarven lassen. Das vor dem Rechner nämlich.

Und ja, selbst wenn der IT-Kollege sowieso wieder nur sagt, dass man einfach mal den Stecker ziehen soll: Dann weiß man das doch spätestens beim zweiten Mal und könnte das doch vorsorglich schon mal machen, bevor man ein Fass aufmacht. Spart Zeit. Und Nerven. Auf beiden Seiten. Aber die Lernkurve ist hier meistens auch relativ flach verlaufend. Ich hatte im Regelfall ein recht gutes Verhältnis zu den IT-Kollegen. Und das kann ziemlich helfen, wenn man wirklich mal ein Problem hat. Am Freitag Nachmittag, um 16.30 Uhr. Der Klassiker. Think about it.

Frau sitzt vor Laptop und beißt vor Ärger in einen Stift, weil der Kollege sie nervt und ihren Menschenhass noch größer macht.
Bevor man den Kollegen den letzten Nerv raubt: vielleicht zuerst selbst mal auf Lösungssuche gehen. Kann in späteren Situationen, in denen man dann tatsächlich Unterstützung braucht, durchaus hilfreich sein.

Und weil mich all diese alltäglichen Frustrationen und das Ringen darum, ob die meisten Menschen wirklich so schrecklich sind oder ob ich einfach mal wieder übertreibe, so aufreiben, bleibe ich lieber grinchmäßig zuhause. Allein. Wo mich keiner nervt. Ok, als Single vielleicht nicht ganz so schlau…


Welche Alltagsgedankenlosigkeiten bringen euch auf die Palme? Ich bin gespannt auf eure persönlichen Aufreger, hier, auf Facebook, Instagram oder Twitter.

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