Der Öffnungskoller nach dem Lagerkoller – Corona, bleib doch noch ein bisschen!

Endlich öffnet wieder alles. Lange haben wir darauf gewartet. Und ehrlich gesagt ging mir Richtung Ende neben dem Eingesperrtsein und dem damit verbundenen Lagerkoller vor allem das Gejammer jeglicher Alters-, Rand- und Amateursportler-Gruppen ziemlich auf den Keks. Was sich am Anfang der Pandemie schon durch Hamsterkäufe von Toilettenpapier und Nudeln angedeutet hatte, gipfelte in den letzten Monaten in einer Zusammenrottung aller nur denkbaren Lobbyisten, die inbrünstig ihr Klagelied sangen. Einer lauter als der andere.

Das mit den Kindern hab ich ja noch verstanden. Aber am Schluss war doch – gemessen an der Lautstärke der Beschwerden – gefühlt jeder elfzehige Baby Boomer unter 1,65 m einfach das ärmste und benachteiligtste Schwein in der ganzen Coronazeit. Der Egoismus kannte wieder mal keine Grenzen. Und während alle gerade erst noch nach Impfterminen geheult haben, werden jetzt Impfdosen weggeschmissen, weil man sich in seiner Ich-Bezogenheit natürlich an 7 Stellen dafür angemeldet und dann einfach an 6 nicht mehr abgemeldet hat. Was soll man da sagen. So sind die Menschen halt.

Lagerkoller und Mann mit CD
Heul heul heul. Zum Ende des Lockdowns hatte ich verstärkt den Eindruck, dass es nur noch ganz arme Schweine auf der Welt gibt.

Und endlich wieder Urlaub. Wobei ich mich bei manchen Leuten doch frage, worauf genau sie eigentlich verzichten mussten. Da wurde letzten September noch schnell ein Griechenlandurlaub vor den zweiten Lockdown gequetscht – gerne begleitet durch den wissenschaftlich fundierten Satz „Tja, die Griechen haben’s halt besser im Griff als unsere Regierung.“ Dass das ein fataler Irrtum war, haben sie spätestens dann bemerkt, als sie grade noch mit einem der letzten Flieger wieder nach Hause gekommen, bevor in Athen die Rollläden runtergegangen sind.

Und auch jetzt scheint schon wieder jeder den 3. Wochenendtrip hinter sich und den nächsten Langzeiturlaub geplant zu haben. Und schon gehen die Inzidenzen in den von Touristen abhängigen Gebieten wie Mallorca wieder nach oben. Herzlichen Glückwunsch.

Geil, endlich kein Lagerkoller mehr. Äh und jetzt?

Von daher war es irgendwie schon höchste Zeit, dass die Welt langsam wieder in geregelte Bahnen kommt. Bevor der Lagerkoller noch mehr zu Kopf steigt. Aber scheinbar können viele mit ihrer wiedererlangten Freiheit nicht besonders gut umgehen.

Versteht mich nicht falsch. Auch ich sehne mich nach Sonne und Meer. Oder zumindest einem kleinen Wellnessurlaub in Bayern oder Österreich. So ist es ja nicht. Zumal ich aus coronatechnischen, aber auch einigen weiteren Gründen seit mittlerweile sogar zwei Jahren kein Hotel oder Ferienhaus mehr von innen gesehen habe. Aber dieses plötzliche Umschalten von 0 auf 100, wohl wissend, dass wir uns durch dieses Verhalten schon mal alles Erreichte zunichte gemacht haben, verstärkt leider meinen Eindruck, dass der Großteil der Menschen einfach doch nicht so weit entwickelt ist, wie landläufig angenommen wird. Und augenscheinlich nicht mal ein halbes Jahr ohne Hotelaufenthalt überleben kann. Das sind die wahren Probleme der Menschheit.

Kaum sind die Grenzen offen, schon sind die Strände wieder überfüllt. So wird das nix, meine Damen und Herren.

Neben all dieser Öffnungsproblematiken merke ich allerdings auch, wie sich bei mir fast schon vergessene, ganz persönliche Dämonen wieder anschleichen. Letztes Jahr im März stand die Welt auf einmal still. Und es passte irgendwie zu meiner Situation. Ich fühlte mich ohnehin abgehängt von der Welt. Da kam der Stillstand grade recht.

Plötzlich waren einsame Samstagabende vor dem Fernseher kein Problem mehr. Man konnte ja ohnehin nicht raus. Da war nichts, was man verpassen konnte, denn allen anderen ging es ja genauso. In einem Gespräch mit einer Single-Freundin wurde mir bewusst, dass ich mit diesem erleichternden Gefühl nicht allein war. Und wie groß der Druck von außen ist, etwas erleben zu müssen, nur um mit anderen mithalten zu können.

Grade als Single ist es besonders wichtig, sich nicht einzuschließen. Aber auch besonders schwierig, weil Pärchen – und besonders die mit Kindern – dieses Bedürfnis oft nicht mehr haben. Man hat ja sich. Und kann gut mal einige – oder am besten alle – Abende auf dem eigenen Balkon verbringen. Schließlich ist man immer mindestens zu zweit.

Allein zuhause war doch super. Und jetzt muss ich wieder raus.

Es würde auch eher meinem Naturell entsprechen, meine freie Zeit zuhause oder vielleicht grade noch bei Freunden zu verbringen. Dass ich dann aber vermutlich allein bleibe, ist auch klar. Also muss ich mich zwingen, unter Leute zu gehen. Während des Lockdowns hatte ich eine gute Ausrede. Geht ja nicht. Sorry.

Jetzt aber, da die Bars wieder öffnen und der Sommer da ist – und jeder das nachholen will, was er all die Monate versäumt hat – gibt es keine Ausreden mehr. Und mir wird bewusst, wie sehr ich diese Zeit zuhause eigentlich genossen habe. Ohne Wettbewerb, ohne Konkurrenzdenken und Druck.

Ja, es mag für Unbeteiligte vielleicht lächerlich erscheinen, aber als Single Ü40 ist man einfach Teil eines Spiels, das man eigentlich mit spätestens Ende 20 gern hinter sich gelassen hätte. Und wenn man nicht mitspielt, bleibt man eben allein.

Allein auf der Couch. Mein persönlicher Happy Place.

Und auch mein Urlaubsbegleitungs-Problem ist auf einmal wieder ganz präsent. Selbst wenn ich irgendwo hin wollte: es würde sich nicht mal jemand finden, der mitkommt. Was unter normalen Umständen schon eher schwierig ist, wird jetzt nahezu unmöglich. Weil jeder erstmal mit dem Partner und der Familie wegfahren will. Und sooo viel Urlaub haben wir ja jetzt auch nicht mehr übrig, gell. Der muss schon weise verbraten werden. Irgendwie verständlich. Aber auch echt frustrierend.

Da hört man selbst bei ganz banalen Versuchen, sich mal wieder zum Essen zu treffen – nach Monaten der Beteuerung per Facetime, dass man sich gegenseitig total vermisst und sich unbedingt wieder sehen muss, sobald es möglich ist – Dinge wie: “Ach, mir ist jetzt doch was dazwischen gekommen, sorry. Ach ja gell, irgendwie lebt man sich ja doch auseinander in so einer Coronazeit.“ Gut. Weißte auch Bescheid.

Und obwohl das total paradox erscheint, wünsche ich mir heimlich, dass Corona doch vielleicht noch ein bisschen bleibt. Damit die Menschen um mich rum in ähnlichen Zwickmühlen stecken wie ich. Damit ich mir keine Ausreden einfallen lassen muss, warum ich schon wieder am Wochenende nichts vorhabe. Und warum es auch dieses Jahr vermutlich nichts wird für mich mit Urlaub.

Das ist die Art von egoistischen Gedanken, die ich mir in diesen Zeiten leiste. Aber die behalte ich natürlich für mich.


Seid ihr uneingeschränkt froh über die Lockerungen? Oder müsst ihr euch auch erstmal wieder an die vielen Menschen gewöhnen? Die nackte Wahrheit bitte, hier, auf Facebook, Instagram oder Twitter.

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5 thoughts

  1. Hm… irgendwie schade, sich eine Pandemie weiter zu wünschen, um dann so isoliert wie alle zu sein…😅 Ich teile die Skepsis der Öffnungswut gegenüber und kenne selbst längere, auch einsame, Single-Phasen. Sich deswegen Corona und all die Maßnahmen weiter an den Hals zu wünschen finde ich dann aber doch etwas zu „flapsig“. Alles Gute dir auf jeden Fall und bald einen netten Abend mit echten Freunden, die nicht nur per FaceTime erreichbar sind!

  2. Kann ich so unterschreiben! Bei mir fragten die Kollegen vor Corona täglich nach meinen Urlaubsplänen (ab Januar, da Frühbuchervorteile..). Dass das als Single nicht so easy geht wie als verheiratetes Paar schien keinen zu interessieren. Klar bin ich auch schon alleine verreist, ist super um neue Leute kennenzulernen. Trotzdem bevorzuge ich es einfach das Ganze mit einem Freund bzw. einer guten Freundin zu erleben und im Nachgang gemeinsam in Erinnerungen zu schwelgen. Dasselbe gilt für die FOMO beim Ausgehen bzw. nicht ausgehen, da man keinen hat, der noch um die Häuser ziehen will und dann bleibt einem eigentlich nur das Online-Dating. Das ist allerdings meistens aber auch nicht das gelbe vom Ei. Hach ja..bin noch gar nicht bereit, diesen ganzen Irrsinn bald wieder schultern zu müssen. Vielleicht sollten wir uns zusammen tun? 😉 In diesem Sinne viele Grüße von Jenny an Jenny!

    1. Vielen Dank für deinen Kommentar, liebe Jenny. Habe mich in jedem deiner Worte wiedergefunden :). Ja, vielleicht sollten wir das tatsächlich tun :D. Liebe Grüße zurück von Jenny an Jenny

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