Bitte nicht noch ein Corona-Blog…

Nein, keine Angst. Also… nicht direkt. Viel mehr als die Ausbreitung und aktuelle Zahlen beschäftigt mich, was diese seltsame, ungewisse Zeit so mit uns macht. Oder zumindest mit mir. Mich beschleicht nämlich das seltsame Gefühl, dass das Leben gerade die Vollbremsung macht, die ich persönlich unbewusst schon länger herbeigesehnt habe.

Gut, ich bin weit davon entfernt so arrogant zu sein und zu glauben, dass das Universum exklusiv für mein Seelenheil sämtliches soziale und wirtschaftliche Leben zum Stillstand gebracht hat. Aber auf eine seltsame – und ja, auch etwas skurrile und fast gruslige – Art scheint das für mich im Moment genau in den Plan zu passen.

Das Leben macht eine Vollbremsung. Und wir haben endlich mal Zeit nachzudenken.

Ok, keiner hat wirklich Bock auf Kurzarbeit auf ungewisse Zeit, reihenweise Pleiten von Kleinunternehmern und eine Rezession, die wir nicht mal in der Finanzkrise 2008 hatten. Von den ganzen erkrankten Menschen – vor allem in Risikogruppen – brauchen wir gar nicht zu sprechen, das entbehrt jeglicher Diskussion. Aber die Chance, den Blick auf die Welt mal anders auszurichten, sollte man sich neben all den Unsicherheiten nicht entgehen lassen, finde ich.

Das fängt bei banalen Kleinigkeiten im eigenen Haushalt an. All die „Mach ich mal, wenn ich frei habe“ und „Ach stimmt, das wär auch mal wieder nötig“s, die wir an unseren Wochenenden und freien Tagen dann doch nicht umsetzen, zumindest nicht vollständig, weil wir an allen anderen Tagen viel zu durchgetaktet sind und einfach auch mal nichts tun wollen. Die können wir jetzt nach und nach, ganz entspannt angehen.

Man kann sich ja schon mal Gedanken darüber machen, was man sich täglich so ins Gesicht schmiert.

Ein banales Beispiel: Ich bin ja bekanntermaßen kein Beauty-Experte. Ich weiß, dass man sich ordentlich abschminken und vielleicht eine Hyaluroncreme benutzen muss, um keine Falten zu bekommen. Und ja, dass Silikone und Parabene und Mikroplastik und Tierversuche ganz böse-böse sind, haben wir alle schon mal gehört. Und obwohl ich seit fast einem Jahr mit schlechter Haut kämpfe und dazu noch übelst fertig aussehe, habe ich mir nie wirklich Zeit genommen, mich mal damit zu beschäftigen, was ich mir eigentlich täglich so ins Gesicht schmiere.

Weil ich sowieso keine Ahnung habe, wo ich da ansetzen muss und mir jeder Beautyblogger was anderes Gesponsertes erzählt. Auch wenn ich seit Jahren eine App besitze, die mir ganz easy per Scan was über die Inhaltsstoffe und Herstellungskette meiner Kosmetika erzählt. Aber dann muss ich mir womöglich eingestehen, dass ich bisher nur Mist gekauft habe. Und überhaupt. Also greife ich lieber im Drogeriemarkt zu den altbewährten Produkten. Wir haben doch keine Zeit.

Ja, doch. Genau die haben wir jetzt. Als es noch erlaubt war, also vor uuunglaublich langer Zeit, hatte ich einen Kosmetiktermin. Bei dem mir die Kosmetikerin eigentlich all das gesagt hat, was ich ebenfalls schon längst wusste. Aber aus Faulheit nie richtig umgesetzt habe. Nach nur einem Termin dort habe ich mich gefühlt wie ein neuer Mensch. Und sah auch so aus. Meine Haut war von nur einer Behandlung wie neu.

Also habe ich Rat bei einer Kollegin, die sich sehr gut damit auskennt, und auf einer guten Überblicksseite im Internet gesucht. Meine Abschminkroutine auf den Prüfstand gestellt. Schritte eingebaut, Produkte ausgetauscht. Und das war gar nicht so schwer. Mit einem Ergebnis, das für Tiere, Umwelt und letztendlich auch für mich selbst mit vergleichsweise wenig Aufwand und etwas mehr investierter Zeit und Geld echt was verändert hat. Und der Erkenntnis, dass ich mit dem einen oder anderen Cremchen oder Wässerchen auch vorher schon gar nicht so schlecht unterwegs war.

Ja, das mag euch jetzt unwichtig erscheinen – wobei, ganz ehrlich: wenn die 40 wie ein Damoklesschwert über einem schwebt, kann einem das durchaus kriegsentscheidend anmuten. Aber es geht ja nicht nur um das Äußere, sondern auch darum, was die Inhaltsstoffe so anrichten können. Das Ganze lässt sich aber auf ganz viele andere Bereiche übertragen. Ernährung, Freundschaften, Empathie, Work-Life-Balance, Wertschätzung. Der Fokus scheint sich in diesen Tagen völlig verschoben zu haben – und damit meine ich nicht auf Klopapier und Nudeln, das ist ein Überbleibsel aus der alten Welt vor Corona. Das ist angsteinflößend auf der einen, irgendwie aber auch befreiend auf der anderen Seite.

Die systemrelevanten Branchen sind nicht die, die sich dafür gehalten haben

Dass die Strukturen, die der Welt einen Rahmen geben und ohne die sie nicht existieren zu können schien, plötzlich ins Wanken geraten. Die Karten werden neu gemischt. Und auf einmal wird ganz klar, welche Branchen die systemrelevanten sind.  Und das mag jetzt für manche überraschend kommen – ja, du da, der grade im Armanianzug den Ferrari volltankt. Dich mein ich: nicht die der Broker, Banker und Consultants. Ihr könnt später wieder klugscheißen. Es sind diejenigen, die einfach schon immer unterbezahlt sind und jetzt im Moment diese lahmende Maschine namens Leben am Laufen halten. Alten- und Krankenpfleger, Ärzte, Apotheker, Bäckereifachverkäufer, Regalauffüller. Während ihr zeternd vor dem offensichtlich leeren Regal im Discounter steht und echt den Nerv habt zu fragen „Tschuldigung, Klopapier ham sie keins mehr?“ Stattdessen habe ich mich vor einigen Tagen einfach mal bei der Apothekerin bedankt, dass sie nach wie vor die Stellung hält.

Zur Zeit ein verbreitetes Bild: Homeoffice. Dass das auch in Zukunft ein praktikables Modell bleiben kann, ist zu hoffen.

Alles wird auf null gestellt. Und wir werden gezwungen, uns mal Gedanken darüber zu machen, dass dieses Höher-Schneller-Weiter irgendwann ja sowieso mal ein Ende haben musste. Irgendwo habe ich den schlauen Gedanken gelesen, dass es diese Entwicklung rückwärts ansatzweise schon gegeben hat. Und jetzt kam sie eben etwas ruckartiger als geplant. Schon erstaunlich, wie flächendeckend plötzlich Homeoffice möglich ist, wo sich noch vor Wochen Mitarbeiter den Mund fusselig geredet haben. Auf einmal ist das unüberwindbare Datenschutzproblem lösbar, wenn es um’s nackte Überleben des Unternehmens geht. Ob das am Ende nur eine Ausrede kontrollfreakiger Chefs war? Man weiß es nicht, man weiß es nicht.

Die Welt besinnt sich grade auf ihre Grundwerte. Und auch wenn darin ein ganzes Stück Unsicherheit liegt, finde ich, dass das auch eine Chance sein kann. Ich bin leider nicht sehr optimistisch, was die Lernkurve der Menschheit für die Zeit nach Corona angeht. Viel zu schnell werden wir wieder in unseren alten Trott verfallen. Und trotzdem habe ich die Hoffnung, dass jeder von uns etwas für sich mitnehmen kann. Und das auch mit Herzblut verteidigt.


Wie ist das bei Euch? Seid Ihr panisch, einfach nur genervt oder könnt Ihr der ganzen Ausnahmesituation auch etwas Positives abgewinnen? Und glaubt Ihr, es werden sich zukünftig grundsätzliche Dinge ändern?

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