100% optimiert – warum Perfektionismus perfekter Bullshit ist.

100% optimiert - nobody is perfext

Wer regelmäßig auf Social Media Plattformen unterwegs ist, kennt sie: Die vermeintlich optimierten Instamädchen, Mitte 20, mit perfekter Jawline und schmalem Näschen, Girl Boss Empire am Start und selbstverständlich trotzdem noch genug Zeit für Mykonosurlaub alle zwei Wochen und drei Stunden Sport am Tag.

Absolute Premier League hierbei: die zweijährigen Zwillinge, die man auch noch nebenbei handelt, inklusive Insta-Husband, der selbstverständlich ebenfalls ein Fitness Imperium aufgebaut hat, der alte Entrepreneuuuuur (zu diesem Phänomen wird es in Kürze auch noch einen Blog von mir geben. Seid gespannt.), und aussieht wie eben aus der GQ entsprungen.

Meanwhile quäle ich mich jeden Tag an den Schreibtisch (aktuell noch im Homeoffice, das ich bald zumindest temporär aufgeben muss, wovor mir jetzt schon graut) und zwei Mal in der Woche ins stickige Fitness Studio. Die Cellulitedellen sind auch ohne massives Übergewicht und mehrere Schwangerschaften nicht mehr in den Griff zu bekommen. Und das mit dem Clean Eating hab ich gar nicht erst angefangen. Kein Zucker. Da fängt’s ja schon an. WTF. Ihr wollt wohl, dass ich Amok laufe.

Acai Bowls und Avocadobrot – der Ernährungsplan für echte Gewinner. Sagt Instagram.

Und trotzdem sitzt man vor dem Handy und fragt sich, wie das alles eigentlich funktioniert. Zum Glück lassen sich die Damen und Herren ja inzwischen auch dazu herab, ihre Geheimnisse zu einem perfekten Leben mit uns armem Fußvolk zu teilen. Nie gab es mehr Generation Zler, die uns 90er Kids selbstbewusster erklären, was wir eigentlich alles so falsch machen. Und obwohl man weiß, dass das Meiste Schall und Rauch ist, schaut man dann doch mal rein. Kann ja nicht schaden.

Interessanterweise stößt man dann doch immer wieder auf die gleichen Tagesablaufsschablonen:

  1. Stehe eine Stunde früher auf als du musst. (Entschuldigt mal. In unserem Alter ist Schlaf heilig. Entweder weil man Kinder hat oder sonst aussieht wie ein Zombie. Oder beides.)
  2. Schaue nicht gleich auf dein Handy. Negative Viiiibes! (gerne, dann kann ich aber deine schlauen Tipps nicht mehr lesen.)
  3. Trinke vor dem Aufstehen ein lauwarmes Glas Wasser. (wahlweise mit irgendwelchen Steinen drin)
  4. 30 Minuten Yoga
  5. 30 Minuten Meditation. (Na sicher. Während die allmorgendliche Panik vor dem Öffnen meines E-Mail Postfachs immer größer wird, bin ich erstmal die Ruhe selbst.)
  6. Frühstück: Acai Bowl mit selbstgeschroteten Haferflocken, Bio-(Trocken)-Obst und alles-außer-Kuh-Milch.
  7. 2 Stunden Workout im Gym. (dass davon 1,5 Stunden dafür draufgehen, die Handykamera richtig auszurichten, wird selbstverständlich verschwiegen)
  8. Mittagessen: Avocadobrot
  9. Abendessen: Egal, Hauptsache vegan und kalorienlos. Am besten noch eine Bowl. No carbs, no fat, no fun. Ihr wisst schon. Für den perfekten Body muss man auch leiden können.
  10. Trinke mindestens 4,38 Liter Wasser und/oder Bio-Brennesseltee am Tag. (Freunde, wir Ü40 Frauen müssen sowieso immer schon alle 3 Sekunden auf’s Klo. Lasst uns in Ruhe.)
  11. Schreibe abends in dein Dankbarkeits-Tagebuch, wofür du heute dankbar warst. (Ok, ich gebe zu: auch wenn das seltsam anmutet, ist das wirklich eine gute Methode, wenn man sich mal wieder wie das ärmste Schwein auf der Welt vorkommt mit seinen First-World-Problems. Kann erden.)

Es wird recht schnell klar: Das funktioniert – wenn überhaupt – nur als Single-Student ohne Kinder. Und ohne Job. Und mit reichen Eltern. Und dann muss ja auch noch Zeit sein, das Ganze bei Instagram zu inszenieren.

Aufstehen und erstmal meditieren. Klar, wer kennt’s nicht?

Und trotzdem ertappe ich mich bei dem Gedanken: Macht das wirklich glücklicher? Müsste ich mich genau an diese Dinge halten, um meinen nervigen Alltagstrott zu durchbrechen? Den Job plötzlich total toll zu finden, weil ich einfach so sehr mit mir im Reinen bin?

Instagram und Co. suggerieren, dass man sich immer weiter optimieren kann, ja muss. Und triggert dabei offenbar bei vielen etwas, das – genau wie 60-Stunden-Wochen und Burn-Out durch Leistungsdruck – mittlerweile zum guten Ton der Leistungsgesellschaft gehört und fälschlicherweise als etwas Positives verkauft wird: Den Drang nach Perfektionismus.

Ich war und bin immer eine Freundin davon, sich selbst zu hinterfragen und auch eigene Verhaltensweisen von Zeit zu Zeit zu optimieren, wenn es angebracht ist. Das schadet keinem. Im Gegenteil halte ich den Großteil der Menschen – wie ich gerne und oft in meinem Blogbeiträgen erwähne – für viel zu wenig selbstreflektiert. Nur: Einem Idealbild hinterherzulaufen, das erstens nicht erreicht werden kann, weil es nicht existiert, und zweitens jeglichen Individualismus zunichtemachen würde, wenn alle gleichgeschaltet sind, kann ja irgendwie nicht der Sinn des Lebens sein. Auch wenn Instagram etwas anderes behauptet.

Perfektionismus optimiert: Mein ganz persönlicher Leistungsdruck.

Ich bin selbst ein Opfer der Perfektionismus-Falle. Und setze mich damit an Stellen selbst unter Druck, an denen es in diesem Maße nicht angebracht ist. Das merke ich aktuell vor allem in meinem neuen Job. Meine Kollegen sind streckenweise extrem genervt, weil ich alles vorab x Mal genau durchdenke, alle Eventualitäten durchspiele und auf alles vorbereitet sein möchte, damit mir bloß kein Fehler passiert. Noch extremer natürlich, weil ich neu bin und viele Dinge noch nicht überschauen kann. Und das, obwohl ich merke, dass es offenbar auch anders geht. Meine Kollegen kommen ja anscheinend gut zurecht, ohne sich ständig nachts den Kopf über das Projekt zu zerbrechen.

Woher kommt das also?

Ich habe vor ein paar Tagen eine erschreckend präzise Erklärung dafür gelesen. Und auch wenn mir der Inhalt nicht neu war, ist mir doch noch einmal bewusst geworden, dass die Ursache ganz woanders liegt. Und Perfektionismus keine Stärke ist. Sondern einfach nur etwas anderes, viel tiefer Liegendes kompensiert.

Weil unser Problem nicht mit Arbeit begonnen hat, wird es nicht mit Arbeit zu lösen sein.

„Was ist das Problem mit dem Perfektionismus? Perfektionismus hat seinen Ursprung selten in einem tatsächlichen Interesse an Perfektion. Er verweist viel mehr auf ein spezifisches Mindset der/des Perfektionistin/en: den Glauben, nie gut genug zu sein. (…) Wir versuchen, dem zu entkommen, indem wir uns über unsere Leistungen definieren. Aber weil unser Problem nicht mit Arbeit begonnen hat, wird es auch durch Arbeit nicht zu lösen sein. Stattdessen müssen wir verstehen lernen, dass es nicht unsere Aufgabe ist, anderen zu beweisen, dass wir das Recht zu existieren haben.“ (Quelle: The School of Life)

Bedeutet: Der Druck, den ich spüre, kommt mehrheitlich von mir selbst. Und auch nur ich bin in der Lage, etwas dagegen zu tun. Auch wenn mir das schwer fällt, weil ich das schon immer so gemacht habe. Und trotzdem finde ich die Erkenntnis, den Dingen nicht ausnahmslos machtlos gegenüber zu stehen, sehr befreiend. 10% unseres Stresses machen die Dinge aus, die uns passieren. 90%, wie wir mit ihnen umgehen.

Und dazu gehört auch, für mich selbst zu definieren, wie „perfekt“ mein Leben eigentlich sein muss, damit ich glücklich bin. Jeder hat sicher seine individuellen Stellschrauben, bei denen noch Luft nach oben ist. Mehr Sport für einen gesunden Rücken, Stressabbau, mentale Gesundheit oder auch ein besseres Aussehen für sich selbst – alles völlig legitim. Genauso aber, es einfach zu lassen. Weil es vielleicht zusätzlichen Stress bedeutet.

Darum bin ich heute dankbar. Für einen überschaubaren Arbeitstag. Meine Mittagspause in der Sonne. Und dass ich wieder zu meinem alten Waschmittel zurückgekehrt bin und mich nun jeden Tag wie Bolle freue, dass meine Wäsche noch nach einer Woche wie frisch gewaschen riecht.

The little things und so.

Steckt euch euer ekelhaftes Avocadobrot sonstwo hin, ich ess jetzt den letzten Schokohasen von Ostern. Ciao Kakao!


Seid ihr auch Perfektionisten? Oder könnt ihr 5e auch gut grade sein lassen? Kommentiert gerne direkt hier auf dem Blog, auf Facebook oder Instagram.


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